Miss Schweiz Lauriane Sallin

«Schönheit tendiert hin zu Gott»

Die neue Miss Schweiz ist gläubige Katholikin. Im Gespräch mit dem Westschweizer Newsportal cath.ch spricht Lauriane Sallin (22) über ihren Glauben und dessen ethische Aspekte, dies auf sehr differenzierte und reife Art und Weise. Livenet bringt hier einen Auszug aus diesem Interview.
Lauriane Sallin
Lauriane Sallin

Sie haben gegenüber den Medien ihr Interesse für die Religion erwähnt. Was finden Sie daran attraktiv?
Lauriane Sallin:
Aus kultureller Sicht ist die Religion ein roter Faden durch die Epochen, um sich den verschiedenen Denkströmungen anzunähern. Auf persönlicher Ebene stelle ich mir seit Langem existentielle Fragen. Eine Weile lang fühlte ich mich allein mit dieser Art Fragen, dann habe ich beim Lesen entdeckt, dass die Menschheit nicht aufhört, sich diesen Realitäten zu stellen. Ich habe mich sofort eingebettet gefühlt.

Existentielle Fragen – welche?
Die Frage nach dem Glück im Speziellen. Diese habe ich mir während der ganzen Dauer der Krankheit meiner Schwester gestellt. Ist es trotz allem möglich, glücklich zu sein? Ich ging durch verschiedene Phasen. Gewisse Philosophen sind der Ansicht, das Konzept des Glücks existiere nicht. Aber wenn das so ist, weshalb lebt man? Ich glaube, dass das Glück möglich ist, aber man muss noch präzisieren, was es ist. Persönlich verbinde ich es mit Grundprinzipien des christlichen Glaubens: dem Respekt, der Nächstenliebe. Eine Liebe nicht zu jenem, der 6'000 Kilometer weit weg wohnt, sondern zum Nächsten, jenem neben mir. Im Anblick des Todes meiner Schwester konnte ich nicht mehr im Augenblick verweilen.

Sie verbinden also die Frage des Glücks mit dem christlichen Imperativ «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst»?
Ja, ich könnte nicht glücklich sein, wenn ich nur an mich selbst dächte. Aus dieser Perspektive heraus ist auch die Frage des Vergebens bedeutsam. An Ostern ging ich in die Messe. Damals war ich sehr aufgebracht gegenüber jemanden. Zum ersten Mal in meinem Leben – soviel ich mich erinnere – sprach ich damals das «Vater Unser», indem ich wirklich überlegte, was ich sagte. «Vergib uns unsere Schulden, wie wir vergeben unseren Schuldigern». In dieser Situation wurde mir klar: Ich hatte die Wahl. Ich hätte das Hassgefühl gegen diese Person pflegen und ihr das Leben damit unmöglich machen können. Aber das ist eine endlose Sache. Man kann jemanden für immer hassen. Ich habe die Vergebung gewählt: Ich wollte keine hasserfüllte Person werden.

Der christliche Glaube ist für Sie also ein Prozess, der sich Schritt für Schritt entwickelt?
In meiner Familie sind alle gläubig, jeder auf seine Art. Mein Papa besucht jeden Sonntag die Messe, aber wir reden nicht viel darüber. Mein Glaube hat nicht mit elterlicher Vorschrift zu tun, er ist etwas sehr Persönliches. Er gehört mir. Er hat sich besonders durch meine Lektüren entwickelt – von Aristoteles zu Descartes und vorbei am Lukasevangelium. Ich wollte dieses Evangelium verstehen. Deshalb musste ich das Umfeld aufarbeiten. Das verlangt Einsatz, aber es ist der einzige Weg, um den Sinn zu begreifen.

Ich bin mir auch bewusst geworden: Die Religion hilft uns auf die Dinge zurückzukommen in einer Welt, in der man ständig im Moment lebt. Ein Freund hat mir eines Tages einen Satz gesagt, der mich tief getroffen hat: «In jedem Menschen hat es ein Stück Königreich Gottes». Als meine Schwester starb, konnte ich nicht mehr im Moment verbleiben, in den Dingen, die man Sekunde für Sekunde erlebt. Denn was ich in der Sekunde erlebte, war, dass meine Schwester starb. Es war notwendig, weiter zu schauen – und dieser kleine Gedanke half mir.

Haben Sie sich nicht gegen Gott aufgelehnt? Wie konnten Sie seine Existenz mit dem Tod ihrer Schwester vereinbaren?
Ich habe nicht den Eindruck, dass Gott etwas mit dem Tod meiner Schwester zu tun hatte. Bleibt zu wissen, von welchem Gott man spricht. Für mich ist Gott die Möglichkeit. Er hilft uns, über uns hinaus zu gehen. Ich kann mir keinen strafenden Gott vorstellen. Wenn er existiert, ist er jenseits der Strafe.

Wissen Sie, die Spielregeln sind klar: Wir leben, wir werden also alle sterben müssen. Das grosse Drama liegt nicht da, es befindet sich in der Lüge, die man sich selber einredet, wenn man überzeugt ist, dass man nicht mit 24 Jahren sterben soll. Meine Schwester ist krank geworden, als ich 14 Jahre alt war. Ich beschäftigte mich mit dem Thema gemeinsam mit Erwachsenen, aber ich empfand sie verwirrter als mich selber. Sie hatten Angst, darüber zu sprechen. Ein Kind schaut den Dingen direkt ins Gesicht. Es riskiert, dass es ihm schlecht geht, aber es schützt sich nicht vor dieser Angst, indem es hinter falsche Konzepte flüchtet. Alle sagen, man sterbe alt, in einem Altersheim. Das ist falsch! Die Krankheit ist Teil des Lebens. Meine Schwester wurde krank – ich stellte mir nicht die Frage, ob das jemandes Schuld gewesen sei. Wir haben einfach versucht, lebendig zu sein bis zum letzten Moment.

Beten Sie?
Ja, aber auf sehr spezielle Art. Ich bete in schwierigen Situationen. Gott hilft uns, über uns hinaus zu wachsen. Das ist ein wenig wie bei «Star Wars». Du hast eine Kraft in dir (lacht). Es ist eine optimistische Vision. Es gibt sehr schwierigen Situationen in unserem Leben, aber ein «Optimum» ist erreichbar. Dafür brauche ich Hilfe, also bete ich.

Haben Sie für Ihren Miss-Schweiz-Titel gebetet?
Nein.

Sie stehen zu Ihrem katholischen Glauben. Was für einen Blick werfen Sie auf die Kirche von heute?
Ich denke, die Kirche spricht nicht konkret über das, was heute in der Welt passiert. Sie hat keinen Nutzen mehr. In diesem Sinn ist Papst Franziskus eine Chance. Ich habe seine Enzyklika «Laudato si» gelesen und habe das umfassende Umweltkonzept extrem interessant gefunden. Franziskus geht über die Rolle hinaus, die man üblicherweise einem Papst zuschreibt. Er ist ein freier Denker, er versucht nicht zu gefallen. Er schaut, was in der Welt passiert und versucht daraus etwas zu machen.

Man hat manchmal den Eindruck, die Kirche sei unbeweglich und passiv. Er ist aktiv, er bringt die Dinge in Bewegung. Dank ihm überdenkt die Kirche den Status der Familie, ausgehend von der Familie, wie sie ist und nicht wie gewisse Leute gern hätten, dass sie wäre. Wenn man an der Synode von zerrütteten Familien sprechen hört oder von Beziehungen von Homosexuellen, sagt man sich: Die Dinge bewegen sich.

Betreffend Heirat: Ich habe gelesen, dass das Konzept der Kirche dazu sich im Verlauf der Geschichte entwickelt hat. Ich glaube sogar, es gab eine Zeit, da die Ehe nach der Geburt der Kinder kam. Man machte das irgendwie nachher offiziell. Die Geschichte lehrt uns viele Dinge.

Also kommen wir zur Geschichte, da Sie es ansprechen. Seit Beginn des Christentums spielte die Ästhetik eine wichtige Rolle in der Geschichte der Kirche. Sehen Sie eine Verbindung zwischen der Schönheit und Gott?
Klar. Die Schönheit und die Harmonie der Formen haben schon immer das Auge angezogen und beruhigt. So wie ich mir die Frage des Glücks stelle, versuche ich zu begreifen, was Schönheit ist. Um den Sinn zu begreifen, muss man über die Plastizität hinaus gehen. Für mich ist Schönheit ein Weg in Richtung Harmonie, hin zum «Optimum», von dem ich eben gesprochen habe. Sie tendiert dorthin.

Was ist also eine schöne Miss Schweiz?
Das ist etwas Globales, das auch das Körperliche übersteigt. Mein Körper ist eine Hilfe. Ich versuche ein wenig, wie eine Allegorie zu sein, um die Leute weiterzubringen.

Wohin?
Ich möchte die Freiheit des Denkens übermitteln. Man muss denken. Viele Menschen stimmen einer Sache zu oder widersprechen ihr aus Prinzip, ohne die Gründe nennen zu können. Im Bereich, der uns interessiert, ist es ziemlich leicht, sich als Agnostiker zu bezeichnen. Das ist eine aktuelle Strömung, die uns von einer Rechtfertigung entbindet: Vom Moment an, da man nicht an Gott glaubt, muss man sich nicht erklären.

Der christliche Glaube wäre also eine Art Subversion?
Fast. Und das amüsiert mich noch zehnmal mehr: Ich habe einen Widerspruchsgeist. Gleichzeitig bin ich offen dafür, vielleicht eines Tages die Inexistenz von Gott anzuerkennen. Meine Offenheit geht so weit. Ich habe nicht das Monopol auf Wahrheit, vielleicht hat der Atheist recht. Ich darf einfach nicht aufhören zu denken.

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Datum: 19.12.2015
Autor: Pierre Pistoletti
Quelle: kath.ch

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