Zenit überschritten?

USA: Mega-Gemeinden im Umbruch

Wie sieht die Zukunft der evangelikalen Grossgemeinden in den USA aus? Ist der Zwangsverkauf der insolventen Glaskathedrale ein Anzeichen dafür, dass die Mega-Gemeinden ihren Zenit überschritten haben?

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Die grösste Mega-Gemeinde: Lakewood Church mit durchschnittlich 43500 Besuchern.
Darüber ist eine Diskussion in den USA entbrannt. Zweifel an der Zukunftsfähigkeit speisen sich vor allem aus folgenden Überlegungen: Die Gründergeneration nähert sich dem Rentenalter, und charismatische Nachfolger sind meist nicht in Sicht. Zudem haben die Grossgemeinden kostspielige Gebäude und einen personalintensiven Dienstleistungsapparat, der angesichts der Finanzkrise immer schwerer zu finanzieren ist.

In den USA gibt es keine Kirchensteuer; die Gemeinden sind auf freiwillige Mitgliederbeiträge, Spenden und Kollekten angewiesen. Einige Grossgemeinden wie etwa die Willow-Creek-Gemeinde oder die Saddleback-Gemeinde in Lake Forest sind weltweit zu Vorbildern für missionarischen Gemeindeaufbau geworden.

Verschiebung – statt neue Mitglieder

Fast alle sind in den vergangenen 40 Jahren entstanden. Gab es 1970 etwa zehn Grossgemeinden, so waren es im Jahr 2005 bereits 1500. Doch insgesamt ist der Gottesdienstbesuch im ganzen Land nicht gestiegen. Vielmehr ziehen die grossen Gemeinden Kirchgänger von anderen Gemeinden ab.

Im Durchschnitt müssten wöchentlich etwa 50 Kleingemeinden schliessen, schreibt Skye Jethani, Chefredakteur des evangelikalen Magazins «Leadership». Er befürchtet, dass – ähnlich wie bei der Finanzkrise im Jahr 2008 – die «Blase» des Booms der Grossgemeinden in Kürze platzen könnte. Sie hätten oft Hunderte Angestellte, und auf vielen ihrer Immobilien lasteten Hypotheken in Millionenhöhe.

Wer folgt auf die Gründer?

Ein entscheidender Unsicherheitsfaktor sei auch die Nachfolge der charismatischen Führungspersonen. Die meisten erreichen in zehn bis 15 Jahren das Ruhestandsalter. Der Übergang zur nächsten Generation sei oft schwierig, so Jethani; Gemeinden, die ihn nicht klug angingen, erlebten oft einen Niedergang: «Das gehört zum Lebenslauf einer Organisation.»

Expansion durch Ableger

Eine weitere Gefahr für die Zukunft der Grossgemeinden liegt nach seiner Überzeugung in ihren Standorten. 48 Prozent seien in einst jungen, wachsenden Vororten von Grossstädten gegründet worden. Doch diese Viertel änderten sich mit der Bevölkerungsentwicklung. Ein Gemeindeumzug sei oft nicht möglich, weil die Grundstücke und Gebäude viel zu gross seien, als dass sie Interessenten fänden und ausreichende Verkaufserlöse erzielen könnten. Viele Grossgemeinden hätten diese Entwicklung erkannt und vermehrten sich durch Ableger. So sind die 100 grössten US-Gemeinden an insgesamt 328 Standorten vertreten. Wie nachhaltig dieses Modell sei, müsse sich noch zeigen, so Jethani.

Anpassung

Jethany betont, dass es nicht zwangsläufig zum Niedergang der Mega-Gemeinden kommen müsse. Viele passten sich den neuen Entwicklungen an. Die moderne Kommunikationstechnik ermögliche es, dass viele Gottesdienstversammlungen per Videokonferenz miteinander verbunden seien. Auf diese Weise könne man Zehntausende erreichen, ohne ein grosses und teuer zu unterhaltendes Gebäude zu benötigen.

Der Generationswechsel wird entscheidend. Sheila Strobel Smith untersucht Mega-Gemeinden für ihre Doktorarbeit. Von den 50 grössten hätten bisher nur vier einen Leitungswechsel vollzogen – eine von ihnen war die inzwischen insolvente Glaskathedrale in Kalifornien.

Hintergrund:
In den USA gibt es etwa 2000 meist evangelikal geprägte Mega-Gemeinden. Die grösste ist die Lakewood Church  mit durchschnittlich 43‘500 Besuchern; darauf folgen die North Point Community Church mit 27‘400 und die Willow Creek Community Church mit 24‘400. Die Saddleback-Gemeinde  hat 22‘000 Gäste am Wochenende. Insgesamt haben die 100 grössten US-Gemeinden mehr als eine Million Besucher.

Zum Thema:
Übersicht über die (massiv kleineren) Landes- und Freikirchen in der Schweiz

Datum: 25.11.2011
Quelle: Livenet / Idea.de / Leadership

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