Die JuKi in Giessen

Kirche mit jungen Leuten, nicht für sie

Nach der Konfirmation verabschieden sich junge Menschen aus der Kirche. Etliche treten aus, einige wenige finden Jahre später einen Weg zurück. Warum eigentlich? Viele Teens und junge Leute suchen doch einen Glauben, der für sie relevant ist.
JuKi Giessen
Das JuKi-Team
Die JuKi beim Bowling

Nach der Konfirmation verabschieden sich junge Menschen aus der Kirche. Etliche treten aus, einige wenige finden Jahre später einen Weg zurück. Warum eigentlich? Viele Teens und junge Leute suchen doch einen Glauben, der für sie relevant ist.

Durch die Buntglasscheiben fällt warmes Licht in den Kirchenraum, der genauso aussieht, wie ich mir eine Kirche vorstelle – freundlich, hell, vorne ein Kreuz, im Saal bequeme Drehsessel. Auf der Empore steht eine Orgel, dafür hat ein Schlagzeug seinen festen Platz auf der Bühne. Bei mir sind die Verantwortlichen für die «JuKi», die Giessener Junge Kirche: der Stadtjugendpfarrer Alexander Klein, die Dekanatsjugendreferentin Laura Schäfer und der Vikar Adrian Schleifenbaum. Ich habe ein paar Fragen vorbereitet, um mehr über die JuKi zu erfahren, doch die drei sind so begeistert von ihrer Kirche, dass ich kaum fragen muss. Sie erzählen einfach.

Der Start vor dem Start

«Alles begann damit, dass wir uns fragten, wie wir im evangelischen Stadtjugendpfarramt ohne eigene Räume und Ehrenamtliche arbeiten sollten», erklärt Alexander Klein. In die Überlegungen hinein, wie das praktisch aussehen könnte, meldete sich sein Kollege aus der Lukasgemeinde in Giessen: «Da wir zwei Kirchen haben, steht unsere Lukaskirche steht viel zu oft leer…»

Die Räume waren innenstadtnah und ausbaufähig; alle Beteiligten signalisierten Zustimmung. So konnte 2020 das Projekt «Junge Kirche Giessen» – kurz JuKi – gestartet werden. In der Stadt war schnell klar: Das ist keine Konkurrenz. Im Gegenteil. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer freuten sich, dass endlich jemand etwas für die Zeit nach der Konfirmation anbot. Tatsächlich ermöglichte die Coronazeit einen guten Start. Viele junge Menschen hatten Zeit und konnten sich aktiv bei Bauarbeiten und im Gemeindeleben einbringen. Schnell waren 20 Ehrenamtliche zusammen, die zum harten Kern gehörten. Inzwischen sind es fast 50.

Klein anfangen

Bei einem Blick auf andere Jugendkirchenprojekte sahen die Verantwortlichen nicht nur grosse Möglichkeiten, sondern auch Probleme, die dann entstehen, wenn man mit einem Millionenbudget den Volleinstieg sucht. Es generiert gewaltigen Erfolgsdruck – und plötzlich dreht sich fast alles um die Finanzen. Die JuKi ging wesentlich bescheidener an den Start. Dabei waren die jungen Leute, die kamen, von vornherein beteiligt: «Was wollt ihr? Was braucht ihr? Wo wollt ihr euch selbst einbringen? Wie stellt ihr euch eure Kirche vor?»

Um diese Fragen ging es am Anfang – und um sie geht es heute noch. Denn in der JuKi bewegt sich nicht viel ohne die Ehrenamtlichen. Laura Schäfer lächelt: «Wir sind eine Kirche mit Jugendlichen und nicht für sie. Und das Feedback zeigt, dass das gut ankommt. ‘Hier darf ich sein, wie ich bin', sagen die Jugendlichen. 'Ich kann hier meinen Glauben leben mit all meinen Fragen und Zweifeln.' So ist die JuKi gleichzeitig Heimat und Raum zum Ausprobieren.»

Angebote und Formate entwickeln sich und sind ständig in Bewegung. Nichts muss unbedingt stattfinden. Aber vieles kann entstehen. Als eine junge Frau kam und fragte: «Gibt es bei euch irgendwo Hauskreise?», bekam sie deshalb zur Antwort: «Bis jetzt nicht, aber fangen wir doch einen an…» Seitdem laufen sie, und schaffen Raum für tiefe und gute Gespräche. Überall sind die Ehrenamtlichen an Entscheidungen beteiligt, von der Farbe an der Wand über das Logo bis hin zum Format des Brunch-Gottesdienstes. Dabei entstehen Angebote auch gegen typische Klischees. Einige Jugendliche wünschten sich einen gemeinsamen Start in die Woche – und der findet seit einer Weile als Onlineangebot «Pray to go» jeden Montagmorgen um 6.45 Uhr statt.

Verschiedenheit als Stärke

Wer verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Prägungen zur Mitarbeit einlädt, muss sich nicht wundern, wenn sie sich tatsächlich einbringen. Das ist auch in der JuKi manchmal anstrengend, doch diese Bandbreite ist auch ihre grosse Stärke. Bunt, lebendig und offen sind hier mehr als Schlagworte. So kommen Konfirmanden zu den Gottesdiensten, um sich ihren Anwesenheitsstempel abzuholen, manche Besucher werden von ihren Kollegen nach der Arbeit mitgebracht, Schüler aus der Nachbarschaft halten hier ihren Schülerbibelkreis ab und wieder andere verfolgen das Gemeindeleben ein paar Wochen über Instagram, um schliesslich in der Tür zu stehen: «Jetzt muss ich das Ganze einmal live sehen.»

Alexander Klein freut sich: «Zuerst wollten wir möglichst für jede Altersgruppe ein spezifisches Angebot erstellen, doch das war gar nicht nötig. Die jungen Leute mischen sich gern altersübergreifend und profitieren dabei voneinander. Sie haben Spass und sie wachsen geistlich. Ich habe Leute vor Augen, die hier angefangen haben zu beten und gemerkt haben, dass Gebet toll ist. Die zum ersten Mal die Erfahrung gemacht haben, dass jemand für sie gebetet hat und sie selbst auch für andere beten konnten.»

«Wir bräuchten viel mehr solche Orte»

Auf die Frage, was ihn nervt, nennt Adrian Schleifenbaum kein Gemeindeproblem, sondern seinen Blick über den Tellerrand: «Dass diese Art, Kirche zu machen, so selten ist. Mit solchen Leuten und in dieser Ästhetik ist die JuKi fast einzigartig. Dabei bräuchten wir viel mehr Orte, an denen das Bedürfnis, Kirche so zu erleben und mitgestalten zu können, gestillt wird. Auch für andere Altersklassen.»

Laura Schäfer ergänzt: «Ich wünsche mir, dass unsere Jugendlichen Kirche anders erleben als ich damals. Ich wurde quasi aus der Kirche herauskonfirmiert. Schöne Erlebnisse hatte ich keine damit. Inzwischen weiss ich: Kirche passt gut ins Leben. Sie passt zu meinem Sport, meinen Freunden, zum Feiern und den Zeiten, wo ich allein sein will. Kirche kann ein Ort sein, der guttut.»

Stimmen zur JuKi

Für Instagram hielten einige junge Menschen fest, was die JuKi ihnen bedeutet.

«Kirche und Glaube ist für mich kein Auslaufmodell.» (Finn, 19)

«Ich möchte anderen zeigen, wie der Glaube Menschen verbindet.» (Johanna, 16)

«Ich wünsche mir, dass wir eine grosse Gemeinschaft werden.» (Lukas, 18)

«Ich wünsche mir, dass wir vielen jungen Menschen den christlichen Glauben näherbringen.» (Alisha, 16)

Pfarrer Alexander Klein ergänzt: «Ich hoffe und bete, dass viele junge Menschen in der JuKi Giessen Glaubenserfahrungen machen, die für ihr ganzes Leben prägend sein werden.» Dazu bietet die Junge Kirche gute Chancen.

Zur Webseite:
Juki Giessen

Zum Thema:
«Kirche mal anders»: Volles Haus beim ersten Preacher Slam in Zürich
Jugend und Kirche: Und sie passen doch zusammen!
Ausprobierkirche und WG: Erste evangelische Jugendkirche in München

Datum: 01.12.2021
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Werbung
Livenet Service
Werbung