Museum wird Moschee

Türkische Religionspolitik im Rückwärtsgang

Auch die armenischen Christen teilen die Bestürzung des Ökumenischen Patriarchat in Istanbul über die Absicht der türkischen Regierung, die griechisch-orthodoxe Sophien-Kirche von Trabzon am Schwarzen Meer aus dem derzeitigen Museum wieder in eine Moschee zu verwandeln.
Hagia Sophia Museum

Zu einer solchen war das ursprünglich christliche Gotteshaus im Osmanischen Reich schon früher gemacht worden. Erst während der russischen und dann alliierten Besetzung von 1917 bis 1920 konnte die Hagia Sophia wieder als Kirche dienen. Nach der Rückeroberung Trabzons durch die Nationalbewegung von Atatürk wurde sie zum säkulären Museum gemacht. Der armenischen Beunruhigung in der Türkei über den geplanten Schritt hat sich inzwischen die Union Arménienne de Suisse (UAS) angeschlossen.

Gedenkstätte ersten Ranges

Für die Armenier ist die Sophien-Kirche eine religiös-historische Gedenkstätte ersten Ranges. An ihr und auf dem umliegenden Friedhof hatte im Winter 1922/23 der armenische Priester Güreg Zohrabian die letzten Christen von Trabzon gesammelt und vor der Wut kemalistischer Freischärler bewahrt: Griechische und armenische Orthodoxe, Katholiken und die gerade in dieser Schwarzmeerregion recht zahlreichen Evangelischen. Zohrabian harrte auch nach Eintreffen der rettenden Schiffe – aus und wurde von den Türken fast zu Tod geprügelt.

Neuorientierung der türkischen Religionspolitik?

Beobachter in der Hauptstadt Ankara befürchten, dass es sich bei dem Moscheeplan für Trabzon um keinen Einzelfall, sondern um ein klares Indiz für die Neuorientierung der türkischen Religionspolitik handelt. So ist bereits 2011 die Konzilskirche von Nicäa, wo 787 die letzte gemeinsame Kirchenversammlung der Ost- und Westkchristen getagt hatte, vom Museum wieder zur Moschee wie zwischen 1331 und 1920 gemacht worden. Das nährt den Verdacht, dass es der islambewegten Regierung Erdogan in Sachen Religion gar nicht um EU-Standards und schon gar nicht um Religionsfreiheit geht, sondern einfach um die Wiederherstellung der osmanischen Verhältnisse vor Kemal Atatürk.

Diese waren in mancher Hinsicht besser als die kemalistischen Zustände, besonders was die religiösen Stiftungen der Christen und Juden betrifft. Andererseits sollen zu Moscheen gemachte Kirchen, die Atatürk in Museen verwandelt hat, wieder Moscheen werden, In Nicäa, Trapezunt und schliesslich wohl auch die Hagia Sophia in Istanbul. Diesen Trend bekommt auch das syrisch-orthodoxe Mor Gabriel bei den laufenden Enteignungsprozessen zu spüren: Es war unter dem Sultan kein Kloster mehr und ist als solches erst während des französischen Zwischenspiels im Tur Abdin nach dem Ersten Weltkrieg erneuert worden. Also kein osmanisches Erbstück im Sinn von Erdogan, der dabei von seinem auf Re-Osmanisierung eingeschworenen Vizepremier Bülent Arinc unterstützt wird.

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Datum: 27.08.2012
Autor: Heinz Gstrein
Quelle: Livenet

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