Bevölkerungspolitik in Indien: Sterilisations-Camps und Quotenzwang

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Scheinbar ein ganz alltäglicher Vorgang vor einer Operation: Ein indischer Jugendlicher unterzeichnet eine Einwilligungserklärung für eine Sterilisation. Dieser Jugendliche aber ist geistig behindert. Eine Krankenschwester und ein Mitarbeiter des Sterilisations-Camps in einem abgelegenen Dorf des westindischen Bundesstaates Maharashtra haben ihn dazu bewogen. Spätestens mit dem jüngsten Bekanntwerden der kriminellen - aber nicht unüblichen - Praxis der Zwangssterilisation ist Indiens "sanfte" Bevölkerungspolitik als Papiertiger entlarvt.

Vor drei Jahren kündigte die indische Regierung ein neues Konzept ohne Zwang und Kinderzahlbeschränkung an. "Soft" sollte sie sein, die neue Politik zur Bevölkerungskontrolle. Tatsächlich sehen sich die Angestellten im Gesundheitsdienst, aber besonders in Indiens ländlichen Gebieten nach wie vor an die Zielvorgaben der alten Kontrollmechanismen gebunden.

Und die misst mit Zahlen: Hinter der harmlosen Bezeichnung "Familienplanungsschema" muss jede Krankenschwester pro Jahr 30 "abschliessende Eingriffe" - also Sterilisationen - nachweisen, um in den Genuss einer Gehaltserhöhung zu kommen. Wer potenzielle Sterilisations-Kandidaten vermittelt, dem winkt eine Prämie von umgerechnet drei bis 15 Franken.

Rigorose Bevölkerungspolitik

Um das explosionsartige Bevölkerungswachstum auf dem Subkontinent zu bremsen, verfolgt Indien seit Jahrzehnten eine rigorose Bevölkerungspolitik. 1951 realisierte das Land als weltweit erster Staat ein umfassendes Familienplanungs-Programm. Zwei Jahre später war es erneut globaler Vorreiter mit der Legalisierung der Abtreibung.

Mit kaum einer gesetzlichen oder medizinischen Bedingung verbunden, nutzte die Regierung die Abbrüche unter dem beschönigenden Titel "Medizinische Schwangerschafts-Beendigung" als Mittel der Bevölkerungskontrolle. So konnte jede schwangere Frau - verheiratet oder unverheiratet - bei einem privaten Arzt eine Abtreibung durchführen lassen; staatliche Spitäler nahmen den Eingriff sogar kostenfrei vor. Plakatwände an den Strassen bewerben noch heute die Abtreibungstarife privat praktizierender Mediziner.

Busladungen von Angestellten zu Sterilisationskliniken

Während des "Nationalen Notstands" 1975-77 wurden die Grundrechte ausgesetzt. In dieser schwarzen Periode der indischen Demokratie war es an der Tagesordnung, dass eifrige Gesundheitsbeauftragte Busladungen voller Büroangestellter zu Sterilisationskliniken brachten, um die staatlichen Zielvorgaben zu erfüllen. Jahre später sterilisierten Ärzte ohne deren Wissen Analphabeten aus ländlichen Regionen in Regierungsspitälern.

Noch 1995 verabschiedete das indische Parlament ein weiteres Gesetz, das Schwangerschaftsabbrüche mit grosszügigen Prämien unterstützte: Sechs Wochen bezahlter "Abtreibungs-Urlaub" winkten jeder Frau, die bereits zwei Kinder geboren hatte. In den späten 90er Jahren führten bevölkerungsstärkere Bundesstaaten zusätzliche Zwangsmassnahmen ein, um Grossfamilien unter Druck zu setzen. Familien mit mehr als zwei Kindern wurde die Teilnahme an Kommunalwahlen verboten, Darlehen oder eine Tätigkeit für die Regierung verwehrt und sogar die Aufnahme in staatliche Bildungseinrichtungen versagt.

Jahr um Jahr 18 Millionen Kinder

Vor diesem Hintergrund klingen die kühnen Ankündigungen von Gesundheitsminister Shatrugnan Sinha in Neu Delhi fast hohl: "Jede Politik oder Gesetzgebung bezieht Wert und Gültigkeit aus den Menschenrechten, die sie schützt oder fördert." Die "Nationale Bevölkerungskommission" (NCP) zeigt sich dagegen skeptisch. Zwar will sie die seit 2000 angestrebte "sanfte" Politik umsetzen; gleichzeitig äussert sie Zweifel am Konzept.

Umgerechnet rund 1,8 Milliarden Frankren seien seit 2001 in Familienplanung durch Verhütungsmittel investiert worden - ohne grosse Wirkung auf die Bevölkerungsexplosion, klagt die NCP. Solange Indiens Einwohnerschaft von 1,07 Milliarden Menschen Jahr für Jahr um 18 Millionen Kinder bereichert werde, könne man nicht ohne Beschränkung der Kinderzahl auskommen. Klare Erfolge müssten her, heisst es: Eine lautstarke Forderung, zum alten System zurückzukehren, noch bevor das neue wirklich umgesetzt wurde.

Autor: Anto Akkara

Datum: 29.09.2003
Quelle: Kipa

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