Wahre Freiheit

Der befreite Christ

Was zu einem zentralen Gedanken der Reformation wurde, hat Martin Luther direkt von Paulus im Galaterbrief gelernt: Christsein heisst Freiheit! Freiheit von der Sklaverei der Sünde, Freiheit von Zwängen, sich die Erlösung durch eigene Leistung verdienen zu müssen.
Luther
Pharisäer

Im trüben Licht einer leicht russenden Öllampe sitzt ein Mönch über einem Brief an den Papst Leo X. Er ist gebeten worden, «versöhnlich» zu schreiben, doch es will nicht recht gelingen. Und der Mönch Martin Luther fügt seinem Brief eine kleine Abhandlung an, von der er später sagt, dass sie «die ganze Summe eines christlichen Lebens» enthält. Dieser 1520 geschriebene Text wird zu einem zentralen Text der Reformation mit dem Titel «Von der Freiheit eines Christenmenschen».

Zur Freiheit befreit

Im trüben Licht einer russenden Öllampe sitzt ein ehemaliger jüdischer Gelehrter, nun hauptberuflich Missionar und Gemeindegründer, spät in der Nacht und schreibt an einem Brief. Er ist erregt, denn das, was er schreibt, ist Zündstoff für die Gemeinde, an die der Brief gehen soll. Alles hängt davon ab, dass die Gemeinde diesen Brief beherzigt und keine falsche Richtung einschlägt. Der Gelehrte namens Paulus ist fast fertig mit seinem Schreiben und resümiert: «Zur Freiheit hat uns Christus befreit!» (Galater 5,1)

Eindringliche Warnung

Schaut man sich das Leben vieler Christen heute einmal genauer an, hat man nicht immer den Eindruck, dass diese christliche Freiheit ein bestimmender Begriff in ihrem Leben darstellt. Schauen wir hin, was Paulus in unserem Text über Freiheit schreibt. Wir entdecken einige Fallen der Unfreiheit, in die Christen damals und heute tappen können. Paulus warnt vor ihnen.

Falle «Gesetzesreligion»

In seinem ganzen Schreiben an die Galater hat Paulus es betont, und hier bringt er es noch einmal auf den Punkt: «Lasst euch nicht wieder unter die Sklaverei (des Gesetzes) zwingen.» (5,1) Was war vorgefallen? Jüdisch beeinflusste Christen waren in Galatien erschienen und wollten die neu gegründeten christlichen Gemeinden, die nicht vom jüdischen Hintergrund kamen, zum Einhalten des gesamten alttestamentlichen Gesetzes bringen. Aus dem befreienden Glauben an Jesus, der alles für das Heil getan hat, drohte nun doch wieder eine Gesetzesreligion zu werden, die das Einhalten gewisser Vorschriften (unter anderem die Beschneidung) zur Bedingung des Heils machte. Doch alles, was zu Christi vollkommener Rettungstat hinzukommt, ist verwerflich. Paulus schreibt: «Ihr seid von Christus abgekommen, wenn ihr durchs Gesetz gerecht werden wollt.» (5,4) Jede christliche Gemeinde, die mehr fordert als die Rechtfertigung des Sünders aus Gnade und Glauben allein, wird sektiererisch.

Falle «Eigenleistung»

«Jesus ist schon für mich gestorben, aber ich muss doch auch meinen Beitrag leisten.» Wer so spricht, meint es sicher ernst, ist jedoch in die Falle der Selbstüberschätzung gefallen. Die Erlösung durch Jesus ist voraussetzungs- und bedingungslos! Aus solchen Sätzen spricht die typischste aller menschlichen Anfechtungen, eben doch mit der eigenen menschlichen Leistung etwas zum Heil oder wengistens zur Heiligung beitragen zu können. Hier beginnt die Gesetzlichkeit, die wir in vielen Gemeinden in den Herzen vieler ernster Christen entdecken: Nicht aus Liebe und Dankbarkeit Jesus gegenüber zu leben, sondern in einem Zwang zu sein, gut sein zu müssen! Viele Christen können sich nicht einfach nur lieben lassen, sie meinen, eine Gegenleistung bringen zu müssen – und leben in der unterschwelligen Angst, dass es vielleicht doch zu wenig ist. Hier wird Christsein von Leistung abhängig gemacht, und das ist eine grosse Unfreiheit – das Gegenteil von dem, was Christsein heisst. «Christus wohnt nur in Sündern», konnte Luther angefochtenen Leuten sagen, und wer nun wirklich keiner sein will, lebt an der Wahrheit des Evangeliums vorbei und quält sich ab, vor Jesus gut zu erscheinen.

Falle «Menschendienerei»

Mit der Gesetzlichkeit einher geht oft der Hang, sich von Menschen und ihren Forderungen abhängig zu machen. Genau das war in Galatien der Fall, als dort die jüdischen Christen auftauchten und mit viel Sendungsbewusstsein und «Charisma» die Christen von ihren Forderungen abhängig machen wollten. Was heute unter dem Begriff des «geistlichen Missbrauchs» en vogue ist, ist damals in Galatien zum ersten Mal den Christen passiert.

Sie liessen sich von Menschen mit ihren sehr einseitigen Auffassungen vom Christsein knechten. Vielleicht stehen Christen hier auch in einer besonderen Gefahr, sich von selbsternannten «geistlichen Führern» abhängig zu machen. Ich selbst habe einige solcher Christen seelsorgerlich begleitet. Ich weiss, wie schwierig es ist, sich von solchen «Führern» zu lösen, welche Kraft der «Erlösung» es braucht, um sich aus der Menschenknechtschaft zu befreien, bei Menschen, die geglaubt, gelebt, gehandelt haben, genau wie ein anderer es wollte. Solche Christen müssen mühsam wieder lernen, nicht auf Menschen, sondern auf Jesus allein zu bauen, nicht mehr Menschen und ihren Gesetzen, sondern Jesus allein gefallen zu wollen.

Wahre Freiheit

Frei von diesen Fallen zu leben, das ist ein wahres, freies Leben! Frei von der Angst, nicht zu genügen, frei von der Leistung, die uns knechtet, frei von der frommen Ich-Bezogenheit, frei von der ungesunden Bindung an Menschen. Allein abhängig von Jesus Christus - unser Herr, unser Schöpfer, unser Retter - Friedefürst und Wunder-Rat...(Jesaja Kapitel 9, Vers 5)

Datum: 06.02.2003
Autor: Horst Scharfenberg
Quelle: Chrischona Magazin

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