Livenet-Talk mit Johannes Wirth

«Wir werden die Herausforderungen meistern»

Als «Zwischenruf in Zeiten der Verwirrung» versteht Johannes Wirth – Pastor, Autor, Motor, Mentor – seine z.T. kritischen, letztlich aber ermutigenden Beobachtungen zum Verhalten der Christen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Spannungen.
Johannes Wirth

Als «Zwischenruf in Zeiten der Verwirrung» versteht Johannes Wirth – Pastor, Autor, Motor, Mentor – seine teils kritischen, letztlich aber ermutigenden Beobachtungen zum Verhalten der Christen in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Spannungen. Wirth ist Gast im neuesten Livenet-Talk.

Wirth staunt über die «missionarische Energie», mit der Christen in der gegenwärtigen COVID-Diskussion ihre Überzeugungen auf allen Kanälen an den Mann bringen. Seine Beobachtung: «Wenn wir das alles wirklich missionarisch nutzen würden, was da an Energie entsteht, die anderen auf seine Seite zu ziehen!»

Ist die Hauptsache noch die Hauptsache?

Was ihn erstaunt: dass das Volk Gottes so schnell tiefe Spannungen hat entstehen lassen. Wirth: «Hinter vielem, was heute abgeht, erkenne ich den Durcheinanderbringer, der uns lähmen will – Familien, Kirchen, evangelistischen Eifer. Früher hat man zu viel vom Teufel geredet, dann viele Jahre fast gar nicht. Heute scheint es, dass wir sein Handeln hinter vielem sehen müssen, was uns im Moment hintereinander bringt». Johannes Wirth hielt zu diesen perfiden Taktiken des «Diabolos» (Deutsch: der Durcheinanderbringer) am 21. November in der GVC Winterthur bereits eine Predigt. Im Talk betont er weiter: «Für Jesus ist Einheit wichtig – wenn wir nicht eins sind, lähmt das. Nicht COVID ist vom Teufel, aber er braucht es als Gefährt, uns durcheinanderzubringen. Wir sind naiv, auch als Kirchen, dass wir nicht deutlich genug sagen: Hey, das lassen wir nicht mit uns machen.»

Er erlebe es, dass Pastoren gelähmt sind und von ihren Schäfchen aufgefordert werden, «dafür» oder «dagegen» zu sein. Auch Fasten wurden vor der COVID-Abstimmung ausgerufen. Wirth: «Warum machen wir nicht ein Fasten, dass das Evangelium sich in unserem Land mehr ausbreitet? Oder warum fasten wir nicht für unsere Einheit? Das wäre das wichtigere Fasten als für eine Abstimmung oder über Gesundheit. Wir haben einen vordringlichen Auftrag, und der fällt im Moment etwas unter den Tisch». Sehr oft sei die Hauptsache nicht mehr die Hauptsache, weiss Johannes Wirth aus der Kirchengeschichte. «Wir kämpfen um Zweitrangiges und lassen dadurch unsere Einheit bedrohen». 

«Lest doch bitte Bibeltexte im Zusammenhang!»

Heute werde die biblische Maxime, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen, oft als Begründung für eine staatskritische Haltung zitiert, wirft Moderator Florian Wüthrich ein. Johannes Wirth allerdings hält dem entgegen: «Lest doch bitte Bibeltexte im Zusammenhang! In der Apostelgeschichte geht es darum, dass das Evangelium nicht mehr verkündigt werden durfte – da sind die Jünger berechtigt aufgestanden. Aber darum geht es heute nicht. Uns wurde nie und wird nie verboten werden, das Evangelium zu verkünden – im Gegenteil, wir haben so viele neue Zugänge zu den Menschen gefunden! Markus Bettler aus Spiez hat mir gerade letzte Woche erzählt, wie via Livestreams bei ihm Menschen zum Glauben kommen, auch wir erleben das in unserer Gemeinde. Also diesen Vers kann man in unserer Situation nicht gebrauchen.»

Auch das zweite Argument kennt Wirth: «Dann wird Bonhoeffer zitiert, der sich gegen den NS-Staat stellte. Aber wer hat eine Ahnung von den inneren Kämpfen und dem Dilemma, die Bonhoeffer so schmerzhaft gespürt und durchgemacht hat! Da ging es um Judenvernichtung und Fragen, die 'far away' von unserer Situation sind!» Stichwort Juden: ja, auch antisemitische Ressentiments tauchen wieder auf, im Zusammenhang mit der «Verschwörung der Finanzmächte». Wirth ermahnt Christen eindringlich: «Schaut, mit wem zusammen wir da marschieren!»

Werden wir die Herausforderungen meistern?

Auf die Frage, ob wir die Herausforderungen meistern werden, die Livenet-Redaktor Fritz Imhof im Kommentar «Christliche Nächstenliebe auf dem Prüfstand» aufwarf, antwortet Wirth optimistisch: «Wir werden sie meistern. Die Kirche ist an solchen Sachen nie untergegangen. Aber es braucht jetzt Stimmen, die sagen: Jetzt hören wir auf mit den Spaltungen und Rechthabereien. Jetzt sammeln wir uns wieder. In seinem letzten Gebet hat Jesus zweimal um die Einheit seiner Nachfolger gebetet. Das ist kein Wahlprogramm, sondern ein Muss. Wir müssen die Einheit wieder hinkriegen. In der Weihnachtszeit die Reihen schliessen.»

Wie man Verführer erkennt

Im Gewirr der Stimmen gibt Wirth den einfachen Rat, der von Jesus selbst stammt: «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» Zu diesen Früchten gehören nach Wirth und nach Galater 5, Vers 22: «Liebe, Friede, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Sanftmut, Selbstbeherrschung» … Diese Früchte «vermisst» Wirth: «Ich halte das oft nicht mehr aus. Wir müssen uns doch fragen: Was bewirken unsere Posts? Was kommt da raus aus dem, was wir weitergeben?»

Als ein konkreter Schritt, diese Früchte wieder wachsen zu lassen, plädiert Wirth sodann für den «Demuts-Weg, der nichts für Weichlinge ist»: «Demut kann mal was einstecken; Demut bedeutet auch zuhören, mal was stehenlassen können». Vor allem: «Demut heisst, zuzugeben, dass wir nur Stückwerk erkennen. In den komplexen Fragen von heute begreift keiner alles, so vieles verstehen wir noch nicht.»

Die Stadt auf dem Berg: Shine Bright

Die Wirth-Nachfolger und neuen Leiter der GVC in Winterthur haben das Motto herausgegeben: «Wir wollen eine Stadt auf dem Berg sein, die leuchtet» – sehr passend gerade für die Adventszeit, findet Wirth. Ihr konkretes Motto «Shine Bright» würde im Alltag der Gemeindeglieder ganz viele kleine und grössere Aktionen auslösen: «Frag-würdig leben – ein grosses Trinkgeld geben, der WC-Putzerin ein Kompliment machen, Velolichter verteilen, jemandem an der Kasse die Rechnung zahlen» – das sind Aktionen, die Fragen auslösen und die Liebe von Jesus konkret sichtbar machten.

Zum gemeinsamen Vorwärtsgehen der Christen, Gemeinden und Netzwerke in der Adventszeit gehöre aber auch «Busse tun und vielleicht einander um Vergebung bitten, wo man dem anderen an den Karren gefahren ist». Der Adventswunsch von Wüthrich und Wirth endet und gipfelt in «Friede auf Erden».

Sehen Sie sich hier den ganzen Livenet-Talk an:

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Datum: 30.11.2021
Autor: Reinhold Scharnowski
Quelle: Livenet

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