Regula Lehmann

Empörung ist billig

Wir befinden uns inmitten der Fastenzeit vor Ostern. Livenet-Kolumnistin Regula Lehmann fastet Facebook – obwohl es angesichts der Weltlage gerade einiges zu lesen, zu posten und zu kommentieren gäbe.
Regula Lehmann

Dass ich durch meine Abwesenheit so manche Social Media Empörungswelle verpasse, tut meiner oft komplett überreizten Seele gut, und die Welt dreht sich auch ohne meine Kommentare weiter. So erhebend es sich einerseits anfühlt, durch Empörung auf der Seite der «Guten» zu stehen, so klar ist auch, dass grosse Gefühle nicht ausreichen.

Als ich vor einigen Tagen per WhatsApp die Aufforderung erhielt, um 20 Uhr alle Lichter zu löschen, «um Putin zu zeigen, dass wir lieber im Dunkeln sitzen, als sein Gas und Öl zu kaufen», fragte ich mich ernsthaft, wie es um unsere Selbsteinschätzung steht und wie hoch unsere langfristige Bereitschaft sein wird, für Friedensförderung auf Komfort zu verzichten.

Bibel warnt vor Empörungskultur

Empörung allein schafft noch keine gerechtere Welt. Auch die Bibel warnt vor einer Empörungskultur, kein Geringerer als König David postete lange vor der Erfindung des Internets in Psalm, Kapitel 37, Vers 1 den folgenden Hinweis: «Entrüste dich nicht über die Übeltäter, beneide nicht die, welche Böses tun!» Spannend ist die Begründung, die Davids Aufforderung folgt: Die Tage der Übeltäter sind gezählt, sie werden vergehen wie Gras, das abgeschnitten wird. Statt den Bösen oder dem Bösen an sich durch Empörung eine Bühne zu geben und ihr Tun ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, soll ich die Perspektive wechseln. Was übrigens keine Einladung zu Fatalismus oder Tatenlosigkeit bedeutet.

Davids nächste Aufforderung lautet: «Vertraue auf den Herrn und tue Gutes, wohne im Land und hüte Treue.» (Psalm, Kapitel 37, Vers 3). Was Menschen bewirken, die Treue «hüten» und «im Land wohnen», auch wenn dies hohe persönliche Opfer bedeutet, sehen wir im gegenwärtigen Konflikt in der Ukraine deutlich.

Persönliche Helden

Meine grössten, persönlichen Helden sind Frauen und Männer, die bleiben, wenn es brenzlig wird. Kapitäne, die als letzte vom Schiff gehen, Präsidenten, die bleiben, auch wenn ihnen Geschosse um die Ohren fliegen. Väter, die nicht sich selbst, sondern ihre Familien in Sicherheit bringen. Mütter, die das Leben ihrer Kinder höher gewichten als eigene Interessen. Helfer, die ihr Leben für diejenigen einsetzen, die unter die Räder kommen.

Die effektivste Hilfe kommt in der Regel von denen, die längst an der Arbeit waren, als die Empörungsstürme losbrachen und die auch dann noch da sein werden, wenn die mediale Aufmerksamkeit weitergezogen ist.

Persönlicher Auftrag

Meinen ganz persönlichen Auftrag zu erkennen und ihn treu auszuführen, statt mich von wechselnden Empörungswellen ablenken zu lassen, bleibt meine Herausforderung. Ob ich nach Ostern wieder in die Sozialen (Empörungs-)Medien zurückkehren will? Ganz ehrlich, ich weiss es nicht.

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Datum: 29.03.2022
Autor: Regula Lehmann
Quelle: Livenet

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