Hanspeter Nüesch

Klartext ist gefragt

In der Gesellschaft werden trotz ‚political correctness’ angesichts des Wertezerfalls eindeutige Antworten gewünscht. Hanspeter Nüesch, Leiter von Campus für Christus Schweiz, erkennt darin eine Chance.
Ungeheuer in Sicht
Mount Everest
Wert
Fahnenkreuz
Du und ich
Hanspeter Nüesch
Hanspeter Nüesch

„In der Gesellschaft gilt es, politisch korrekt zu agieren – ein zu deutliches Profil will man vermeiden“, sagt Hanspeter Nüesch im Gespräch mit Livenet. Es gebe (nicht nur in der Schweiz) eine tiefe Angst vor militanten Überzeugungen, welche sich mit Macht und Gewalt zu verbreiten suchen. „Besonders fürchtet man sich vor religiös motivierten Initiativen.“ Diese Angst habe in den letzten zwei Jahren im Zuge der Islam-Debatte zugenommen, meint Nüesch. Und fügt an, Christen hielten sich, als Reaktion darauf, zu sehr zurück, was ihr Profil verschwimmen lasse.

Wer nicht sagt, was er glaubt…

Vor allem in reformierten Kreisen werde immer noch sehr darauf geachtet, „bei niemandem anzuecken. Dabei wird man völlig undeutlich und gibt die eigene Position auf. Man wagt nicht mehr zu sagen, was wir Christen glauben und was nicht.“ Dabei könne nur, wer selbst eine Position habe und sie dauernd schärfe, auf sein Gegenüber zugehen. Nach Nüeschs Beobachtung wächst in der Gesellschaft das Bedürfnis nach klaren Aussagen: Menschen möchten wissen, „wer wir sind, was christliches Abendland bedeutet, was Christsein heisst, wie man Christ wird und bleibt“.

Atmosphärischer Wandel im Bundeshaus

Der Campus-Leiter vergleicht zwei „Besinnungen unter der Bundeskuppel“, in denen er solche Gedanken Parlamentariern vortrug. Bei der ersten vor einigen Jahren sei ihm vor allem Skepsis entgegengekommen. Ende 2006 habe er erneut deutlich von der Entscheidung gesprochen, den Gott der Bibel ernstzunehmen und den Weg des Segens und Lebens, nicht den des Fluchs zu wählen. Die Politiker hätten dies als Wort zur Zeit angenommen. „Einige von ihnen brachten zum Ausdruck, dass wir Christen wieder klar Position beziehen müssen.“

Wenn das Christentum ‚verdunstet’ (Wolfgang Bittner) und die noch kulturell von ihm geprägten Menschen ein Vakuum empfinden, sieht Hanspeter Nüesch die Chance für evangelisch-missionarische Christen, mit ihnen in den Dialog einzutreten. „Die Offenheit für Gespräche über Glauben ist heute viel grösser – bei aller Angst vor militanter Religiosität.“ Ein Freund sei nach Japan gereist. Er habe dort, so erzählte er später, gemerkt, dass er kein Buddhist sei. In der Folge beschäftigte er sich wieder mehr mit dem christlichen Glauben. Der Campus-Leiter denkt, dass viele in der Auseinandersetzung mit dem Islam, aber auch mit der Esoterik den Wunsch verspüren, das Christsein für sich neu zu entdecken.

Droht Abendland-Nostalgie?

Ergibt sich damit die Gefahr, dass wir in eine Christlichkeits-Nostalgie hineinkommen und und uns eine Zeit vorstellen, die ‚noch christlich’ und anständig war? In vergangenen Zeiten wurde viel aufgrund von Tradition und Konvention getan, nicht aus christlicher Überzeugung und Glauben, ist Hanspeter Nüesch überzeugt. Doch die Menschen hätten ein „Geländer“ zur Orientierung gehabt. Sie hätten Gutes von Schlechtem unterscheiden können. „Auch damals litten Eheleute an ihrer Ehe, doch sie hielten an ihr fest und brachen nicht aus, aus praktischen, aber auch aus christlich-ethischen Gründen.“ Heute lebe man schnell und sehr gefühlsorientiert. „’Ich will auf die Rechnung kommen’, sagt man und meint, Partner wie Kühlschränke auswechseln zu können.“ Viele Menschen seien nicht mehr fähig, schwierige Zeiten durchzustehen.

In der Gesellschaft breitet sich der Eindruck aus, dass Zusagen nicht mehr verbindlich sind, „und dann haben Jugendliche Mühe, Entscheidungen überhaupt zu fällen und sich langfristig zu binden, weil sie intuitiv fühlen, dass es misslingen könnte“. Früher sei ein ungeplantes Kind vom Schöpfer angenommen worden und man habe die bestmöglichen Bedingungen für es zu schaffen versucht.

Komfort-Christentum in der Konsumgesellschaft

In diesem Zusammenhang kritisiert Hanspeter Nüesch ‚Prosperity-Prediger’, die ein Wohlstands- und Wohlfühlevangelium unter die Leute bringen. Sie hätten die Ich-Bezogenheit gefördert und den Glauben angepriesen als Vehikel, sich noch besser zu verwirklichen und mit materiellen Gütern glücklicher zu werden. „Jesus predigte ein anderes Evangelium. Er sagte: ‚Verleugnet euch. Es geht euch am besten, wenn ihr für andere Menschen da seid’.“ Heute zielten viele christliche Bücher und Fernsehsendungen auf ein besseres irdisches Leben ab. Doch gehe es darum, dass Christen Gottes Auftrag wahrnehmen: Menschen zu dienen, auch wenn dies kostet. „Dann ginge es uns besser!“ In Nüeschs Einschätzung hat dieses Denken die Kirchen insgesamt und auch bekennende Christen mehr erfasst, als sie sich eingestehen wollen.

Gefragt: Menschen, die sich verschenken

„Gott will eine Herzensfrömmigkeit, die sich auch in den Taten zeigt. Diese schafft er im Normalfall gegen Widerstände, durch Selbstverleugnung. Wir lernen am meisten durch Schwierigkeiten und Probleme. Wir brauchen eine Grundlage, die trägt, auch wenn es einmal nicht rund läuft.“ Christen brauchen, so der Campus-Leiter, „tiefe Wurzeln in Jesus, im Wort Gottes.“ Er erinnert daran, dass viele der ersten Christen äusserlich miserabel endeten. Nach den Massstäben der Gesellschaft stellten sie nichts dar, hatten nichts zu lachen.

„Wir ernten, was wir säen“

Als Nüesch an der Bettagstagung 2006 der EVP den Auftrag zum Sich-Verschenken und Teilen auch auf die armen Länder bezog, wandte ein Zuhörer ein, dann würden die nächsten Generationen in unserem Land Mangel leiden. Der Referent konterte: „Wenn wir bloss an uns denken und immer mehr haben wollen, werden wir ärmer werden. Wenn wir abgeben und teilen, bekommen wir und unsere Nachkommen mehr – das ist ein geistliches Prinzip. Wir ernten, was wir säen.“

Dass die eidgenössische Solidaritätsstiftung nicht grosszügig realisiert wurde, betrübt Nüesch. „Wenn wir als reiches Land vor allem an uns denken, ziehen wir den Fluch Gottes auf uns. Wenn wir unseren Reichtum teilen, werden wir gesegnet – vor allem geistlich, was viel wichtiger ist, denn mit dem Materiellen können wir oft nicht gut umgehen.“ Materieller Reichtum sei ein Segen, wenn die Prioritäten stimmen, äussert Nüesch.

Liebe ohne Wahrheit ist nicht Liebe

Menschen erwarten von Christen Liebe – aber „Liebe ohne Wahrheit ist keine Liebe“. Gläubige dürfen, so Nüesch, „nicht hinter das zurückgehen, was Jesus uns gelehrt hat: dass wir für den Andern, nicht für uns selbst da sein sollen“. Das gelte für die Familie, die Sexualität, die Arbeitswelt. Wenn die Scheidungsrate unter bekennenden Christen ähnlich hoch sei wie in der gesamten Gesellschaft, sei keine „Bekehrung zum Nächsten“ geschehen, bloss eine „Bekehrung, damit ich Frieden mit Gott habe“. Hanspeter Nüesch stellt die Frage nach der eigentlichen Motivation derer, die sich Christen nennen. Gott habe in seinem Wort, der Bibel, unmissverständliche Leitlinien gegeben. Es gelte, sie ohne Abstriche – „radikal“ – zu befolgen. Zwei Christen, die ihn beeindruckten, waren Pfr. Wilhelm Busch, ein Freund seiner Eltern und Grosseltern, und die Heilsarmee-Generalin Eva Burrows, die an der EXPLO 91 auftrat.

Hingabe statt lässiger Stolz

Der Campus-Leiter skizziert den „Weg, den Gott segnen will“: Christen sollen aus der intimen Gemeinschaft mit Gott, seinem Wort gehorsam, leben, ihre Gottesdienste und evangelistischen Aktionen zeitgemäss gestalten – und für Menschen da sein, ihren Bedürfnissen entsprechen: „Wenn sie Gemeinschaft suchen, geben wir ihnen Gemeinschaft; brauchen sie Brot, geben wir Brot.“ Dies bedinge, Nein zu sagen zu vielem, was Eingang gefunden habe in die Kirchen, auch in Freikirchen. „Nur so sind wir fähig, unsere Mitmenschen mit geistlichem Vollkornbrot zu versorgen.“

Nüesch wünscht sich, dass Christen den Mut finden, „vor Gott immer wieder auf die Knie zu gehen“. Viele hätten sich unevangelischen Stolz und die Lässigkeit eines Fauteuil-Christentums angewöhnt. Der Campus-Leiter liest Biographien von Gottesmännern wie D.L. Moody und Billy Graham. „Seit seiner Bibelschulzeit zog sich Graham regelmässig zurück, um alle seine Lebensbereiche im Licht der Bibel zu prüfen.“ Bill und Vonette Bright sind für ihn vorbildlich als Ehepaar, das morgens und abends vor Gott niederkniete und alles vor ihm ausbreitete. Er zitiert den Buchtitel von Oswald Sanders „Kneel to God – Stand up to Life“: Für die Gesellschaft relevant sein können die Christen, wenn sie sich ihrer Stellung vor Gott bewusst bleiben.

Back to Basics

Vor dieser Herausforderung steht auch ‚Campus für Christus Schweiz’. Die Verantwortlichen glauben, dass Gott der Organisation mit ihren zahlreichen Arbeitszweigen eine evangelische Vereinfachung und Zentrierung schenken will. In seinem Büro hat Nüesch wieder Lobpreiszeiten mit den Mitarbeitenden angesetzt. Er nimmt sich mehr Zeit fürs Gebet und das Studium der Bibel. „Gott lehrt uns derzeit wieder die einfachen Übungen des geistlichen Lebens: beten, die Bibel lesen, geistlich atmen, verbindlich sein, Dinge in Ordnung bringen.“

Homepage von Campus für Christus Schweiz: www.cfc.ch

Datum: 02.04.2007
Autor: Peter Schmid
Quelle: Livenet.ch

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