Stille Duldung

«Ist das das Indien, für das die Freiheitskämpfer kämpften?»

Die christliche, indische Politikerin Margaret Alva hat die Regierung von Premierminister Narendra Modi aufgefordert, mehr für den Schutz von Christen und anderen religiösen Minderheiten vor extremistischen Gruppen zu tun.
Margaret Alva

Margaret Alva, ehemaliges Mitglied des indischen Parlaments und nacheinander Gouverneurin von Uttarakhand, Rajasthan, Gujarat und Goa, beklagte, dass religiöse Minderheiten Gefahr liefen, «Bürger zweiter Klasse» zu werden.

Verfassung garantiert Religionsfreiheit

Sie argumentiert, dass das Schweigen von Premierminister Modi gegenüber extremistischen Elementen in der indischen Gesellschaft als «stillschweigende Zustimmung und Ermutigung» aufgefasst werde. Sie fügte hinzu, dass die indische Verfassung, welche Religionsfreiheit garantiert, eingehalten werden muss.

Die Intervention von Margaret Alva erfolgt inmitten einer Zunahme von Angriffen auf Kirchen und christliche Gemeinschaften in ganz Indien.

Bürger 2. Klasse?

Mit diesen mutigen Worten richtet sich Margaret Alvas in einem offenen Brief an dem indischen Premier:

«Sehr geehrter Herr Premierminister,

ich schreibe Ihnen, dem Führer unserer grossen demokratischen, säkularen, sozialistischen Republik Indien, die von einer Verfassung regiert wird, in der die Grundrechte und -freiheiten der indischen Bürgerinnen und Bürger unabhängig von Kaste, Hautfarbe, Rasse oder Glauben verankert sind, als besorgte ältere Bürgerin, die meinem Land 50 Jahre lang in verschiedenen Funktionen gedient hat.

Sie sind eine national und international geachtete Führungspersönlichkeit. Sie reisen um die ganze Welt und fordern die Staats- und Regierungschefs der Welt, darunter auch Seine Heiligkeit den Papst, in Rom auf, zu verkünden, dass Indien ein freier, demokratischer, säkularer Staat ist. Ihre Reden und Erklärungen wurden von den globalen Medien gelobt und es wurde ausführlich über darüber berichtet. Leider steht die Realität hier vor Ort in krassem Gegensatz zu dem Bild, das Sie der Weltgemeinschaft von Indien vermitteln, insbesondere im Zusammenhang mit Minderheitenrechten und Säkularismus.

Entsetzt über Aufruf zu Völkermord

Herr Premierminister, in ganz Indien terrorisieren, attackieren und töten hoch organisierte und militante rechtsextreme Gruppen unschuldige Bürger im Namen der Religion. Ich bin entsetzt über die jüngsten, weit verbreiteten Äusserungen einiger religiöser Führer, die zum Völkermord an Nicht-Hindus aufrufen, um ein Hindu Rashtra zu schaffen. Noch schockierender ist, dass weder Ihre Zentralregierung noch die Regierung des Bundesstaates, der von der BJP kontrolliert wird, deren unbestrittener Führer Sie sind, noch die lokale Verwaltung reagiert oder Massnahmen ergreift, um gegen diese giftigen Hassreden vorzugehen, die darauf abzielen, unter Millionen von Minderheiten, die hier im Land leben, Unsicherheit und Angst zu verbreiten.

Seit den Anfängen unseres Freiheitskampfes haben Muslime, Sikhs und Christen sowie Angehörige vieler anderer religiöser Gruppen und Konfessionen Schulter an Schulter mit unseren Hindu-Brüdern und -Schwestern gekämpft, um unsere Freiheit zu erringen und unser Mutterland zu verteidigen. Meine Schwiegereltern, die verstorbenen Joachim und Violet Alva, waren Freiheitskämpfer, die ins Gefängnis gingen und das erste Ehepaar im indischen Parlament wurden, wobei sie auch die erste Frau im Parlament war. Heute gibt es Tausende von Minderheiten, die der Nation in allen Bereichen des Lebens und in allen Teilen des Landes dienen. Sollen wir nun als Bürger zweiter Klasse behandelt werden?

Neues Gesetz entzieht Rechte

Herr Premierminister, wie können Sie die Augen verschliessen und schweigen, wenn die Gräueltaten an Indiens Minderheiten zunehmen? Ihr Schweigen, Herr Premierminister, wird als stillschweigende Zustimmung und Ermutigung zu der ständig zunehmenden Gewalt und Einschüchterung der indischen Minderheiten missverstanden. Wann werden Sie sich zu Wort melden und diesem Wahnsinn und der Gewalt Einhalt gebieten?

Mein Heimatstaat Karnataka, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, rühmt sich eines friedlichen, integrativen Umfelds, das Menschen aus der ganzen Welt angezogen hat. Dieses Weihnachten hat uns die BJP-Regierung des Bundesstaates in «Anerkennung» unserer Verdienste das drakonische «Gesetz zum Schutz des Rechts auf Religionsfreiheit in Karnataka» geschenkt, das Bestimmungen enthält, die bereits von Gerichten verworfen wurden und eindeutig gegen die indische Verfassung verstossen. Es macht alle Minderheiten, unsere Einrichtungen, Praktiken, Dienste und Wohltätigkeitsorganisationen verdächtig. Persönliche Freiheiten in Bezug auf die Privatsphäre, die Religion, die Ehe und die Entscheidungsfindung werden uns genommen, und der Staat wird zum Schiedsrichter über unser persönliches Leben und macht uns zum Gegenstand von Untersuchungen, Anklagen und Inhaftierungen durch den Staat und seine Beamten, die die Bestimmungen des Gesetzes auslegen und uns ohne Gerichtsverfahren inhaftieren werden.

Wir Christen sind eine disziplinierte, gewaltfreie, dienstorientierte Gemeinschaft. Wenn wir an Massenbekehrungen beteiligt waren, warum liegt dann unsere Zahl unter drei Prozent? 200 Jahre Herrschaft der christlichen Kolonialmächte und die Arbeit der so genannten «Missionare, die an Zwangsbekehrungen beteiligt waren», sollten sich in unseren Zahlen niederschlagen, die rückläufig sind. Warum dann diese falsche Propaganda und Gewalt gegen uns? Die Arbeit von Mutter Teresa von Kalkutta für die Armen, Kranken und Verlassenen in der ganzen Welt wurde von Atal Bihari Vajpayeeji und Advaniji gewürdigt und hat Indien Ehre und Ruhm gebracht. Selbst sie und ihre Schwestern wurden nicht verschont, ihre Mittel wurden eingefroren. Warum eigentlich?

Christen sind ein Teil von Indien

Ist dies das Indien, für das unsere Freiheitskämpfer gekämpft haben? Das, was unsere Verfassungsgeber zu schaffen versuchten? Und wovon der Vater der Nation träumte, als er seine Landsleute anflehte, «jede Träne von jedem Auge abzuwischen»? Ist dies das Indien, für dessen Aufbau wir über 70 Jahre lang gekämpft haben?

Zu allen Zeiten haben Herrscher und Regime versucht, das Christentum zu unterdrücken und zu töten, aber es hat überlebt und alle Ecken der Erde erreicht. Es kann in Indien nicht ausgelöscht werden. Wir sind Teil des Gefüges dieser Nation.

In unseren Adern fliesst indisches Blut, und wir sind patriotische Bürger, die ihrem Volk gedient haben und weiterhin dienen und zum Aufbau unseres Mutterlandes beitragen werden. Die Geschichte zeigt, dass das Christentum durch das Blut von Märtyrern gediehen ist und sich verbreitet hat. Christus lehrte uns, unsere Feinde zu lieben, denen Gutes zu tun, die uns schaden wollen, und denen zu vergeben, die uns töten wollen. Das werden wir tun, indem wir jeden Tag beten: «Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun».

Möge Jesus Christus Sie segnen, mein Premierminister, und Sie auf Ihrem Weg leiten. Mögen die Liebe, die Freude und der Friede von Weihnachten uns alle auch im neuen Jahr begleiten.»

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Datum: 19.02.2022
Autor: Barnabas Fund / Daniel Gerber
Quelle: Barnabas Fund / Übersetzung: Livenet

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