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«Tote Mädchen lügen nicht» – eine kritische Auseinandersetzung

Wie weit darf oder soll die Auseinandersetzung mit Suizid von Jugendlichen in den Medien gehen? Die «Netflix»-Serie «Tote Mädchen lügen nicht» («13 Reasons Why») hat seit der Aufschaltung dieses Jahr nicht nur massive Zugriffszahlen verzeichnet, sondern auch eine kritische Debatte mit dem Thema ausgelöst. Die Filmjournalistin Sarah Stutte gibt Einblick in die Serie und nimmt Stellung dazu, was von solchen unterdessen leicht zugänglichen Serien zu halten ist.
Screenshot aus «Tote Mädchen lügen nicht»

Warum hat sich Hannah Baker umgebracht? Diese Frage stellt sich nicht nur die verzweifelte Mutter, die ihre Tochter völlig unerwartet mit aufgeschlitzten Pulsadern in der Badewanne findet. Die Frage nach den Gründen für Hannahs Suizid stellt das zentrale Element der neuen Netflix-Serie «Tote Mädchen lügen nicht» dar.

Persönliche Kassette für dreizehn Mitschüler

Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Jugendbuch von Jay Asher (erschienen 2009 erstmals auf Deutsch). Der Roman wurde ein Verkaufsschlager, stand 57 Wochen lang auf der Bestsellerliste der «New York Times» und wurde in über 30 Länder verkauft.

Nicht nur die Frage nach dem weshalb, sondern auch inwiefern Hannahs Mitschüler involviert waren, wird nach und nach aufgedeckt. Hannah hat vor ihrem Tod dreizehn Audio-Tapes besprochen – eine persönliche Kassette für dreizehn Mitschüler, allesamt verpackt in einer schön verzierten Schuhschachtel.

Dass im digitalisierten Zeitalter eine analoge, 80er-Jahre-Aufzeichnungstechnik verwendet wird, hat einen bestimmten Grund: Hannah wollte nicht, dass ihre Erinnerungen und Aussagen verfremdet werden.

Verliebt in die Aussenseiterin

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Clay, der als Elfter die Box mit den besprochenen Kassetten bekommt und der in Hannah verliebt war. Deshalb ist er auch derjenige, dem der Tod der Mitschülerin am meisten zu schaffen macht. Hannah war nicht das beliebteste Mädchen der Schule, sie war eine Aussenseiterin, zugezogen und hatte stets einen schweren Stand.

Minutiös wird nun Hannahs Geschichte, die die Zuschauerinnen mithören, nachgezeichnet. Und was dabei zum Vorschein kommt, ist keine leichtverdauliche Kost: Mobbing, Lügen, Stalking, Vergewaltigung, tödliche Unfälle, und und und.

Die Netflix-Serie geht diese Themen direkt und unverstellt an. Hier werden die unschönen Momente nicht ausgeblendet, die Kamera verweilt auf der Szene, auf den schmerzverzerrten Gesichtern, auf den Handgelenken, wenn die Rasierklinge ansetzt.

Dieser Mut ist der bis dato erfolgreichsten «Netflix»-Eigenproduktion hoch anzurechnen. Dadurch nimmt die Serie die Jugendlichen und ihre Probleme ernst. Ein weiterer Pluspunkt sind die unverbrauchten Jungdarsteller, die ihren Figuren viel Authentizität verleihen.

Nicht abschreckend genug

Der Erfolg der Serie – vor allem bei Jugendlichen – führte dazu, dass eine zweite Staffel schon in Planung ist. Die hohe Aufmerksamkeit löste aber auch eine Kontroverse aus. Sowohl Gesundheitsorganisationen als auch christliche Vereine und Nationen (Neuseeland, nachweislich ein Land mit einer hohen Selbstmordrate) sprachen Warnhinweise aus.

Die Kritik lautet: «Tote Mädchen lügen nicht» würde nicht abschreckend wirken, sondern junge Menschen mit psychischen Problemen dazu verleiten, Selbstmord zu begehen.

Warnungen auch von christlichen Vereinen

Es ist wohl war: Selbst Menschen mit einer gefestigten Persönlichkeit brauchen starke Nerven, um sich bis zum Finale durchzuschauen. Man sollte nach jeder Folge abschalten und über das Gesehene nachdenken. Insbesondere auf die Zielgruppe der Serie – Jugendliche, die noch auf der Suche sind – kann «Tote Mädchen lügen nicht» tatsächlich eine verstörende Wirkung haben.

Der Serie deshalb vorzuwerfen, sie würde Suizid als romantischen Ausweg verklären, ist aber falsch. Denn sie will genau das Gegenteil aussagen und erreicht dies mit ihrer schonungslosen Offenheit. Am Ende der letzten Folge weiss man: Selbstmord hat immer einen Grund. Oder mehrere. Und dann spürt man dieses unangenehme, klossartige Gefühl im Hals: Hätte man ihn verhindern können?

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Datum: 20.05.2017
Autor: Sarah Stutte
Quelle: kath.ch

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