SMS-Seelsorge

Anonyme Antworten unter 767

Guter Rat ist viel wert - er kommt auch per SMS. Jörg Weisshaupt, Pionier der christlichen SMS-Seelsorge, erzählt der Presseagentur Kipa, was sie möglich macht.

Ich heisse Jörg Weisshaupt, bin 51 Jahre alt. Seit über zwanzig Jahren bin ich vom Reformierten Stadtverband Zürich für den Bereich Jugendseelsorge und Jugendfragen angestellt und betreue in diesem Rahmen die SMS-Seelsorge. Diese reicht weit über die Stadtgrenzen hinaus. Sie stösst höchstens an Sprachgrenzen.

Keine Subito-Antworten

Die SMS-Seelsorge sehe ich als moderne Form der Briefseelsorge. Wir liefern also keine Subito-Antworten. Ich lasse mir bewusst Zeit, um auf eine Frage einzugehen. Gerade beim SMS ist es wichtig, dass ich beispielsweise das Schriftbild auf mich wirken lasse. Wenn ein SMS absolut makellos, ohne Fehler und in gutem Hochdeutsch eintrifft, dann könnte das ohne weiteres ein Journalist sein, der unser Beratungsangebot testen will.

SMS: eigene Sprache

Wenn ein SMS voller Fehler ist und auch keine Satzzeichen enthält und zudem alles noch in Grossbuchstaben und ohne Abstände zwischen den Worten daherkommt, dann kann das bedeuten, dass der Absender völlig verwirrt ist. Es kann aber auch heissen: Es handelt sich um eine sparsame Person.

Auch die Sprache kann Hinweise auf den Absender geben. Ich bin mir aber immer bewusst, dass SMS keine gesprochene und auch keine geschriebene Sprache ist. Es ist etwas dazwischen. Computer-Chat und SMS haben heute viele Jugendliche dazu gebracht, dass sie überhaupt schreiben. Interessanterweise enthalten die SMS an uns wenig Emoticons oder Kürzel. Diese sind vermutlich für den Freundeskreis reserviert.

Das Masterhandy

Ich bin quasi die Schaltzentrale der SMS-Seelsorge. Das Masterhandy ist bei mir. Dieses konsultiere ich in der Regel zwei Mal am Tag: morgens und abends. Manchmal meldet sich niemand, zuweilen sind es fünf neue Anfragen pro Tag. Sunrise stellt uns gratis ein sehr praktisches Handy zur Verfügung, das über eine komplette Tastatur verfügt.

Wenn ein SMS hereinkommt, prüfe ich aufgrund der Telefonnummer, ob die Person sich bereits einmal gemeldet hat - und auch, an wen ich das SMS zur Beantwortung weitergeleitet habe. Wir sind ein Team von katholischen und reformierten Seelsorgern, Frauen und Männer. Wenn ich das Gefühl habe, es sei besser, dass eine Frau antwortet, dann leite ich das SMS an eine Seelsorgerin weiter. Französischsprachige SMS leite ich an die SMS-Seelsorge in der Westschweiz weiter.

Fragezeichen und Ausrufezeichen

Das kürzeste SMS, das ich erhalten habe, bestand aus einem Fragezeichen. Ich habe mit einem Ausrufezeichen geantwortet. Auf kurze SMS schicke ich eine kurze Antwort. Auf lange, die aus mehreren SMS zusammengesetzt sind, reagiere ich mit einer Rückfrage. Zum Teil zeigen die SMS in wenigen Worten dramatische Schicksale auf: "Mein Mann hat sich das Leben genommen, ich habe drei Kinder, ich will nicht mehr weiterleben, was soll ich machen?" Es kann gut sein, dass ich nicht sofort zurückschreibe, sondern mir die Anfrage erst einmal durch den Kopf gehen lasse.

Wer sich nicht traut...

Möglicherweise getrauen sich viele Menschen nicht, jemandem mit ihren Problemen gegenüberzutreten. Das SMS gewährt in diesem Fall Anonymität. Ich antworte nicht mit meinem Namen, sondern mit einem Nick-Name. Manchmal begleite ich Leute monatelang mit dem SMS, die den Mut nicht aufbringen, eine Beratungsstelle, auf welche ich sie verweise, aufzusuchen. Mit einigen stehe ich - immer anonym - seit Jahren in Kontakt. Bei anderen bricht der Kontakt schon nach dem ersten SMS ab. Im Schnitt aber werden fünf SMS auf beiden Seiten ausgetauscht.

Vorsichtiges Rückfragen

Jedes SMS, das hereinkommt, nehme ich ernst. Jede Anfrage muss aber auf ihre Wahrhaftigkeit geprüft werden. Wenn sich eine Clique während eines gut begossenen Abends einen Jux mit mir leisten will, hat sie Pech, denn ich gebe nicht sofort Antwort. Anfragen unter der Gürtellinie beantworte ich mit dem Spruch: "Danke für Dein Vertrauen in die SMS-Seelsorge. Für medizinische Probleme wendest Du Dich bitte an deinen Hausarzt."

Vor Schindluder ist die SMS-Seelsorge nicht gefeit. Ich muss sehr vorsichtig sein. Zum Beispiel: Jemand benutzt das Handy eines Freundes und schreibt: "Ich habe meine Frau betrogen. Was soll ich tun?" Möglicherweise besteht ein Eheproblem. Wenn ich zu direkt antworte und das Handy in die falschen Hände gerät, kann das zu einer Katastrophe führen. Ich muss mich darum mit meiner Antwort an die Situation herantasten und etwa nach mehr Details fragen. Ich mache aber ganz klar: Ich bin offen für weitere Kontakte.

Fast ein Fünftel der Anfragen betreffen Partnerschaftsprobleme, Freundschaft und Liebe, elf Prozent die Sexualität. Auch Schwangere wenden sich an die SMS-Seelsorge, Einsame, Kranke, Menschen mit Finanzproblemen, mit Essstörungen oder auch solche, die geschlagen werden.

Spontane Handlung

MMS-Bilder habe ich noch nie erhalten. Der Vorteil des SMS ist, dass es sich um eine technisch sehr primitive anonyme Art der Kommunikation handelt. Und sie wird heute rege benützt. Bilder würden diese Anonymität lockern. SMS ist eine spontane Art zu reagieren. Einer unserer Werbe-Slogans hiess: "Die Hilfe liegt auf der Hand - dein Handy." Man trägt dieses einfach immer auf sich, auch wenn man sich aus irgendeinem Grund im eigenen Zimmer eingeschlossen hat - oder auf der Brücke steht. Letzteres ist eine heikle Sache, weil ich das SMS Stunden später lese. Was dann? In der Regel schreiben uns Personen, die von einer Selbsttötung einer nahen Person betroffen sind oder eine solche verhindern wollen.

Wo sind die Grenzen der SMS-Seelsorge? Ich kann Begleitung, Zuspruch und Ermutigung bieten, nicht aber konkret intervenieren. Wo es angezeigt ist, ermuntern wir unsere SMS-"Gesprächspartner", sich an eine Beratungsstelle vor Ort zu wenden. In einem Fall habe ich konfrontativ geantwortet, weil, meiner Ansicht nach, die betreffende Person sich nicht helfen lassen wollte. Ich hatte das Gefühl, die Person gefalle sich in ihrer Situation und wolle gar nicht aus ihrer Not finden.

Anonymität und Gottvertrauen

In einem Fall habe ich die Anonymität durchbrochen. Ich hatte das Gefühl, es wird ernst, die Person will sich umbringen. Ich habe mit der Frau am Telefon gesprochen und hoffe nun, dass das direkte Gespräch genützt hat. Das war eine Ausnahme. Die SMS-Seelsorge erfüllt eine andere Aufgabe. Und ganz so anonym ist sie doch nicht.

In unserer Werbung geben wir uns ganz klar als ein Angebot der Landeskirchen zu erkennen. Wer uns kontaktiert, weiss also, dass hinter dem anderen Handy nicht ein Psychologe steckt, sondern ein Seelsorger. Wir führen bewusst Seelsorge und SMS zusammen, und es funktioniert.

Die Anonymität schützt uns auch vor sehr belastenden direkten Begegnungen. Trotzdem sitzen wir im Team regelmässig zusammen und reden über Beratungsverläufe und Erfahrungen mit schwierigen Fällen. Wenn ich ein SMS abschicke, dann sage ich zu Gott, du kennst den Adressaten oder die Adressatin, ich hoffe, dass ich die richtigen Worte gewählt habe, ich bitte dich, diese Person zu begleiten und ihr Menschen zur Seite zu stellen, die sie begleiten. Als glaubender Mensch kann ich mich an Gott wenden, und das hilft mir selber.

Autor: Georges Scherrer, Bearbeitung Livenet

Webseite der Arbeitsstelle Kirche und Jugend: www.kirche-jugend.ch
Datum: 15.07.2008
Quelle: Kipa

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