Roy Moore

Warum der «evangelikale Kinderschänder» nicht gewählt wurde

In der Tagesschau von SRF wurde der bei der Wahl unterlegende republikanische Senatskandidat von Alabama, als «der evangelikale Roy Moore» bezeichnet. Erstaunlicherweise wurde er trotz dem grossen «evangelikalen» Wählerpotenzial nicht gewählt. Weshalb nicht, und was kann daraus geschlossen werden?
Roy Moore musste bei der Senatswahl eine Niederlage hinnehmen.

Am 15. November schrieb der Bund bereits im Vorspann zu einem Artikel über den Senatskandidaten der Republikaner in Alabama: «Für evangelikale Christen sind sie Helden. Roy Moore und Donald Trump aber sind glaubhaft als sexuelle Nötiger und Belästiger geoutet worden.» Man ging hierzulande davon aus, dass er trotz den Vorwürfen gewählt werden würde, da er von den «Evangelikalen» unterstützt wird. Und die Christen, die sich als «evangelikal» oder «wiedergeboren» bezeichnen, zählen in Alabama sagenhafte 44 Prozent! Doch er verlor die Wahl. Weshalb?

Nur üble Propaganda?

Das Magazin Christianity Today schreibt dazu: «Roy Moore war eine Brücke zu weit für Alabamas Evangelikale.» Laut einer Wahlanalyse wählten zwar 80 Prozent der Evangelikalen tatsächlich Roy Moore, nicht trotz der Vorwürfe, sondern weil 94 Prozent von ihnen schlicht den Vorwürfen keinen Glauben schenkten. Sie hielten diese für üble Propaganda der Gegner, wie das Portal «Vox.com» feststellt.

Dagegen wählten 96 Prozent der Schwarzen, die in Alabama 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen, den Demokraten Doug Jones. Der Grund für die Niederlage von Roy Moore liegt aber gemäss der Wahlanalyse darin, dass viele evangelikale Wähler entweder zuhause blieben oder vereinzelt einen der anderen Kandidaten wählten.

Krisensymptom für Evangelikalismus?

Beobachter beurteilen die Nichtwahl von Moore jetzt als Ausdruck einer Krise des weissen evangelikalen Amerikas, wie man es bisher kannte. Die Gemeinden würden multikultureller. Die jungen Leute seien oftmals sozialliberaler eingestellt, was zu Problemen mit der älteren Generation führe. Das weisse christliche Amerika als kulturelle Institution befinde sich in einem Abwärtstrend, befindet Robert P. Jones, CEO des Instituts zur Erforschung der Religion in Amerika (PRRI). Dass ein Teil der Evangelikalen diesen Schluss auch selbst zieht, belegt die Erklärung von Boston.

«Evangelicals» werden ethnisch durchmischt

Dazu kommt, dass die Mitglieder evangelikaler Gemeinden nicht mehr so homogen für weisse evangelikale Männer stimmen, da sie immer gemischter werden. 50 Prozent der neuen Gemeinden der Südlichen Baptisten seien mehrheitlich farbig, stellt Robert P. Jones fest.

Ein Grund, weshalb der siegreiche Demokrat Doug Jones auch von evangelikalen, insbesondere nichtweissen Christen gewählt wurde, liegt laut Jones mit darin, dass der Demokrat Mitglied einer Methodistenkirche ist. Es sei aber auch ein Ausdruck von Spannung zwischen weissen und farbigen Evangelikalen, die sich durch die Wahl von Donald Trump akzentuiert habe.

US- und Schweizer Evangelikale

Im Zusammenhang mit der Jerusalemfrage unterschied der Religionsexperte Georg Otto Schmid in einem Interview mit der Sendung «Echo der Zeit» am 9. Dezember die evangelikal-freikirchliche Szene in der Schweiz sorgfältig von der amerikanischen, die sich in grossen Teilen für die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten entschieden hatte. Zwar seien die Evangelikalen in der Schweiz in neuerer Zeit stark von Impulsen aus den USA beeinflusst. Sie sei aber vergleichsweise klein und unterscheide sich auch politisch von den Glaubensverwandten in den USA.

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Datum: 19.12.2017
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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