Der jüdische Stamm Dan kehrt heim

Diese Unternehmungen waren spektakulär: Mitten aus der äthiopischen Anarchie flog Israel in kürzester Zeit äthiopische Juden aus, mit über 30 Jets. Und der Exodus geht weiter.

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Frau an einer Wasserstelle (die abgebildeten Personen haben keinen Zusammenhang mit der jüdischen Gemeinschaft Äthiopiens).
1991 brach das kommunistische System in Äthiopien wie ein Kartenhaus zusammen. Dieser Knall war für Israel der Startschuss zur spektakulären «Operation Salomo» – nach der «Operation Moses» ein weiteres Luftfahrtspektakel. Gerald Gotzen, Unterstützer und Freund der äthiopischen Juden: „Man wusste damals nicht, was im Chaos des Kollapses mit den Juden passieren würde.”

Tausende äthiopischer Juden strömten in kürzester Zeit nach Addis Abeba und siedelten in der Nähe der israelischen Botschaft. „Während die Regierung dort zusammenbrach, begann die «Operation Salomo».” In den frühen Morgenstunden des 24. Mai 1991 landete eine erste israelische Maschine. Noch nie zuvor in der Geschichte Israels waren an einem einzigen Tag mehr Menschen eingewandert. In gut 30 Stunden flogen über 30 Flugzeuge rund 14.000 Menschen aus.

Der Pilot weinte

In einem der Jumbo-Jets flog auch der Israeli Nathan Sharansky mit – später war er in Israel Minister für Diaspora-Angelegenheiten. Einer der Flieger hatte gar keine Sitze mehr. Man hatte sie einfach rausgerissen. Gotzen: „Die Menschen sassen am Boden. Ohne die Sitze war das Flugzeug leichter. Damit konnten mehr Leute mitfliegen. Die meisten dieser Juden hatten noch nie ein Flugzeug gesehen, geschweige denn, dass sie schon einmal flogen wären!”

Gerald Gotzen erinnert sich: „Trotzdem war es sehr ruhig und ordentlich. Vor dem Abflug wurden 1087 Personen gezählt. Alle in einem einzigen Jumbo! In Tel Aviv wurde viereinhalb Stunden später nachgezählt. Jetzt waren es 1097 Passagiere. Denn im Flugzeug kamen zehn Babys zur Welt. Der Pilot weinte. Die Emotionen rissen alle mit.”

Shamir – einst in Äthiopien befreit

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Frau auf dem Land
Der damalige Premierminister Yitzhak Shamir trieb diese Aktion mit voran. Nicht nur, weil die sogenannten «Falashas» als kaum geduldete Fremdlinge in Gefahr waren. Er selbst war während des britischen Mandats in der Irgun, einem Teil der israelischen Befreiungsorganisation Haganah. Gerald Gotzen: „Shamir wurde von den Engländern geschnappt. Man steckte ihn im heutigen Eritrea in ein Gefängnis. Dort spürte er, dass die Äthiopier und Eritreer Israel mochten. Und sie begannen, seine Flucht vorzubereiten. Shamir entkam und konnte sich nach Adis Abeba absetzen. Von dort gelangte er nach Dschibuti und zuletzt nach Eilat in Israel. Diese Hilfe in Ostafrika vergass er nie. Als er von äthiopischen Juden hörte, half er mit, diese Operation zu planen.”

Eines der Gebete, das die äthiopischen Juden seit vielen hundert Jahren an jedem Sabbath beten, ist einfach und bewegend: „Der Hungrige geht zum Essen, der Durstige zum Wasser, aber ich will nach Jerusalem gehen.” Und in der «Operation Moses» 1985 geschah das. Und durch «Salomo» 1991.

Entdeckt im Niemandsland

Die äthiopischen Juden seien für die israelische Regierung etwas Besonderes. Gerald Gotzen: „Man kannte ihre Geschichte kaum.” Ja, man wusste zuerst nicht, dass es sie überhaupt gibt. „Die meisten von ihnen wohnten in entlegenen Gebieten und hatten weder Fernsehen noch Radio oder Zeitungen. Aber sie sind sehr kultiviert und haben interessante Handfertigkeiten. Erst in den 90er Jahren wurden sie von der israelischen Regierung und durch die «Jewish Agency» entdeckt.”

Und noch etwas hätten diese Juden: eine Hoffnung; „den Traum, eines Tages in Israel einzuwandern“, erzählt Gotzen. „Sie glauben den prophetischen Worten, nach denen Israel das verheissene Land ist und sie selber zum auserwählten Volk gehören.”

Familie ist hier in Äthiopien alles. Sie ist das Wichtigste. „Die meisten haben Verwandte in Israel. Und sie wollen bei ihnen sein. Hier wurden sie schlecht behandelt, zum Teil unterdrückt, bis heute. Zusammen mit der Sehnsucht nach dem verheissenen Land führt das zu dem tiefen Wunsch, Äthiopien zu verlassen und in Israel einzuwandern. Sie wissen, dass ihre Kinder dann in Israel zur Schule können und sie mit anderen Juden zusammen sind.” Gerald Gotzen hört oft von älteren Leuten: „Wir selbst sterben vielleicht hier in Äthiopien. Aber das Wunder des Exodus wird sich an unseren Kindern ereignen.”

Mit dem Messias

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Äthiopischer Junge
„Die äthiopische Regierung und viele offizielle Israelis realisieren nicht, wie viele tausend äthiopische Juden christlich sind. Es mögen 15'000 in der Gonder-Region und 5000 in Addis Abeba sein. Manche sagen es nicht offen, andere sind wieder zum Judentum zurückgekehrt. Die israelische Regierung hat nun ein Dilemma”, prognostiziert Gotzen.

„Einerseits sind die Juden ihr Volk. Andererseits toleriert Israel seine messianischen Juden noch nicht. Man nennt sie auch «Falascha Mora»; «Mora» bedeutet «Amhara» – das ist der grösste Stamm im Norden Äthiopiens.” Sie sind orthodoxe Christen.

„Viele dieser christlichen Juden wollten mit einer der beiden Operationen – Moses oder Salomo – nach Israel. Aber sie hätten zum Judentum konvertieren müssen. Manche verleugneten ihren christlichen Hintergrund, wurden wieder Juden und gingen als solche nach Israel. Aber auch wenn sie nicht konvertierten, wurden sie aus humanitären Gründen zurück ins Land gebracht. Es gab ein wenig Druck durch die Rabbis”, blickt Gerald Gotzen zurück.

„Er verleugnete das Jüdische nie!”

In Israel wird behauptet, dass diesen christlichen Juden ihr neuer Glaube nur aufgezwungen wurde. „Aber das stimmt nicht”, betont Gerald Gotzen. Manche seien aus sozialen Gründen Christen geworden. „Aber ich kenne viele von ihnen. Die meisten erkannten die Wahrheit, dass Jesus der Messias ist. Einer war ein bekannter Priester unter den äthiopischen Juden, mit einer grossen Familie und viel Einfluss. Als er in der Bibel Johannes 3 las, war das sein spirituelles Erlebnis, und er sah, dass Jesus von Gott gesalbt ist. Er wurde Christ. Er verleugnete das Jüdische nie.” Er ging aber nicht nach Israel. „Er fühlte sich zu alt. Viele Mitglieder seiner Familie lebten in Israel”, berichtet Gerlad Gotzen, der vor 40 Jahren als Hotelmanager in Äthiopien arbeitete.

„Noch nie gesehen”

Im Jahr 1990 begann Gerald Gotzen mit seinem Team den Dienst «Beit Shalom». „Während des Kommunismus war das gefährlich.” Aber die Wohnsituation von manchen Falaschas sei „unglaublich”: „Ich besuchte Juden überall auf der Welt: in der Sowjetunion, in Rumänien, in Ungarn. Aber hier herrschten die schlimmsten Verhältnisse. Mir kommt Jesaja in den Sinn, der von «den Verstossenen Israels» spricht. Hier leben sie in Hütten. Da gibt es kein Wasser – nichts ausser einem Steinboden. In der Nacht kann es hier sehr kalt werden. In der Regenzeit sowieso. Ich besuchte 85 Länder. Aber so etwas habe ich noch nie gesehen.”

„Tausende Juden sterben in Äthiopien”

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Strassenszene in Äthiopien
Jetzt warten die Menschen, die manche auf den biblischen Stamm Dan zurückführen, auf ihre Ausreise nach Israel. Gerald Gotzen: „Warum macht die israelische Regierung nicht schneller? Hunderte Juden starben in Äthiopien. Über die Jahre womöglich bis zu 2000 oder 3000. Wegen der extremen Lebensbedingungen, wegen Krankheit oder Unterernährung. Die Menschen leben so arm. Sie wissen nicht, wo ein Doktor ist. Und wenn sie einen finden, haben sie nicht das Geld, um Medizin zu kaufen. Ich weiss, wie die Christen in Europa den russischen und europäischen Juden halfen. Aber nur wenige halfen den äthiopischen, vor allem weil sie nichts von ihnen wussten.”

Sie wollen nicht bei den Juden kaufen

Oft haben die Falascha das Problem, dass sie zwar ein Handwerk ausführen, die Leute aber nicht direkt bei einem Juden kaufen wollen. Weil das ein Fluch sein soll. Gerald Gotzen: „Ausser zu einem ganz tiefen Preis. Sie müssen über einen Zwischenhändler verkaufen. Und der streicht dann selber einen Teil des Gewinns ein.” In Addis Abeba können sie ihre Arbeit oft nicht ausführen und müssen als Tagelöhner arbeiten – „wie in der Bibel“. Für einen Arbeitstag gibt es normalerweise zehn Birr, etwa einen Euro. „Wenn die Leute aber wissen, dass er ein Falasha ist, dann gibt es nur fünf Birr. Er hat das zu akzeptieren. Sonst kriegt er gar nichts.”

Viele sterben auch bei Unfällen. Sie kommen vom Land und haben kaum je ein Auto gesehen. Dann gibt es in Addis Unfälle, weil sie nicht wissen, wie man eine Strasse überquert. „Es sind keine primitiven Menschen. Sie sind arm, ja. Aber sie haben ihre jüdische Kultur und ihre Hoffnung, und am Sabbath feiern wir miteinander Gottesdienst.“

Sie müssen bis 2007 in Israel sein

Gerald Gotzen war sehr überrascht, als Ariel Sharon ein Komitee für die Rückkehr der äthiopischen Juden zusammenstellte. „Er tat das ganz offiziell. In diesem Komitee sind auch Netanjahu und Sharansky vertreten. Sie fordern, dass diese Juden bis zum Jahr 2007 in Israel sein müssen.“

Auch amerikanische Rabbis machten Druck. Sie polterten: „Was mit diesen Menschen passiert, ist ein Skandal, auch wenn sie zum Christentum konvertiert sind. Sie sterben, und es sind Juden, die da sterben. Wir müssen sie heimbringen.” Zuerst konnten 300 pro Monate zurück. „Dann verlangte Ariel Sharon 600 pro Monat. Rund 20.000 anerkannte Juden leben noch in Äthiopien.”

Der andere Zweig

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Wer hat hier Vorfahrt? Eine weitere Strassenszene
Es gibt hier aber noch einen anderen Zweig des jüdischen Glaubens. „Ich entdeckte sie vor zwölf Jahren und stehe nun in Kontakt mit ihnen. Sie nennen sich «die verborgene Gemeinschaft». Einer ihrer geheimen Namen ist «Beit Abraham».” Vor 300 Jahren gab es in Gondor eine Gruppierung, die sich absetzte. Einige folgten einem falschen Messias.

Diese Juden waren ebenfalls gute Handarbeiter. Sie bauten die Schilder der Wachen und Paläste der Regierung, etwa 4000 Personen. Als Addis Abeba zur Hauptstadt wurde, zogen sie ebenfalls mit in diese Stadt. „Sie heissen Moretti. Wenn man als Fremder hier in Addis nach ihnen fragt, kommt als erstes die Gegenfrage: Woher wissen Sie von diesen Menschen?”

Sie leben in den Aussenbezirken von Addis Abeba. Jedes ihrer Häuser hat ein Porträt und eine Inschrift. Viele der Mini-Busse und blauen Taxis gehören ihnen. Rund 90 Prozent der traditionellen äthiopischen Kaffeekessel werden von ihnen hergestellt. Die «Beit Israel», die Falasha, waren Bauern und Handarbeiter, die keine höheren Positionen innehatten. Aber die Moretti sind Doktoren, Anwälte. Sogar der frühere Premierminister der kommunistischen Regierung, Selassie, stammte aus dieser Gemeinschaft.

Und so ist ein weiterer jüdischer Stamm auf dem Weg aus dem Exil nach Israel. So, wie es die Bibel vor mehr als 2000 Jahren vorausgesagt hat.

Weiterführende Links:
www.ethiopian-horizons.org.uk
Äthiopische Juden kehren nach Israel zurück
Auf den Spuren des alten Stammes Dan
Der "irische Moses" ist tot

Datum: 26.05.2006
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet.ch

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