Kommentar
Sex, Stuss und Sehnsucht
Abends sitzt die Menge der Pendler mit demselben Blatt im Zug - eine unschweizerische Uniformierung. Unsinnigerweise, zu ihrem eigenen Schaden, ziehen die Pressehäuser eine Generation auf, für die gedruckte Information keinen Preis mehr hat.Sex sells, Schlüpfriges muss her: Der Ex-Frauenheld Warren Beatty wird es mit der grotesken Zahl von 12775 Eroberungen auf die Titelseite gezerrt - ein gut informierter ‚Biograf‘ hat hochgerechnet, der „Blick am Abend" kürt ihm zum ‚Weltrekordler‘. Müssen wir solche Massenverblödung schlucken?
Die Single des Tages hinten im Blatt würde, wenn sie könnte, Untreue verbieten, wogegen er eine „offene und ehrliche Beziehung" wünscht. Als Ratgeber wird ein Buch vorgestellt, das für die Vernunftehe plädiert und lebenslange Treue im urbanen Westen abschreibt. „Wie auch soll eine einzige Person über Jahre Beständigkeit, Humor, grossartigen Sex und interessante Gesprächsthemen ... liefern‘ können?" Der Partner sei irgendwann „zu langweilig, zu dick oder sonstwie unpassend..." Ist das, wie der Titel des Artikels erhoffen lässt, gegen „die grosse Einsamkeit" hilfreich?
Rührend flehentlich die SMS, die der „Blick am Abend" neuerdings im Schatzchäschtli abdruckt (während das rote Morgenblatt wieder auf Topless-Girls setzt). Wie viele bitten da ihr Girl um Verständnis, Verzeihung - „chum no eimal" -, Vertrauen, eine neue Chance...Was soll das Gängelband der violetten Topnews 1,2,3,4,5? Uns mitteilen, dass wir jedenfalls das Wichtige mitbekommen? Die Macher verengen und vereinheitlichen unsere Wahrnehmung, indem sie die Wirklichkeit vergröbern, verzeichnen und Bereiche ausschliessen. Die Doppelfotoseite, der man noch am ehesten zutraut, Horizonte zu weiten, enttäuscht: Was soll der Querschnitt des geschlachteten Rekord-Thunfischs in Grossaufnahme?
Dass mehr jüngere Leute, ohne zu müssen, überhaupt etwas lesen, möchte man positiv werten. Doch die Kurzartikel reduzieren die Komplexität arg schief. Wohin geht die Reise mit diesem violetten Mix von Sex, Stuss und Sehnsucht?
Stattdessen und dagegen kann etwas getan werden. Wir haben Besseres zu lesen: eine bezahlte Zeitschrift, ein seriöses Magazin - die Kioskfrau würde es freuen - oder eine christliche Verteilzeitung. Die Bibel auch, das Buch der Bücher - mit einem dramatischen Panorama von Untreue und Treue! Oder gar nichts lesen, träumen, nachsinnen, Gedanken aufschreiben. Oder dem Gegenüber ein Lächeln schenken, für den Nächsten beten. Oder...
Die Viertelstunde im Zug - Zeit für kreativen Trotz.
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