Duo-Kolumne
Warum nimmt die Gewalt unter Jugendlichen zu?
Iris: Die drei Täter waren in unserer Nachbarschaft unterwegs. Sie sind so alt wie unser Sohn, vielleicht gehen sie mit ihm zur Schule. Ich war konsterniert. Weshalb tun Jugendliche so etwas?
Claudio: Ich glaube, sie wissen nicht, wie sie die Zeit totschlagen können. Vielleicht ist es auch das Bedürfnis, erwachsen zu sein. Sie wollen gross sein, Macht ausüben. Zudem kommen sie so in die Medien: Vielleicht ist das der Kick.
Iris: Klar ist, dass die meisten Jugendlichen in ihrem Leben einen guten Job machen und unsere "überalterte" Gesellschaft sehr bereichern. Jugendliche haben einen erfrischenden Lebensoptimismus, von dem der Erwachsene profitieren kann. Aber bei gewissen Kindern und Jugendlichen beobachte ich eine seelische Verwahrlosung. Sie haben zwar alles, sind aber von Vater und Mutter nicht gut genug betreut. Sie werden oft allein zu Hause gelassen, sitzen stundenlang am Computer und spielen Egoshooter Games (Gewaltspiele mit Waffen). Kinder und Jugendliche können die Computerwelt von der Realität noch nicht so klar unterscheiden; so wird die Wirklichkeit zur Spielplattform.
Claudio: Ich glaube auch, dass den Erwachsenen die Wertvorstellungen abhanden kommen. Der Materialismus dominiert in unserer Gesellschaft. Manche Jugendliche orientieren sich daran und holen sich das, was es zu holen gibt – ohne Wenn und Aber, ohne Hemmungen.
Iris: Ist das nicht komplexer? Bestimmt verführt der Materialismus Jugendliche zu abwegigem Verhalten. Dazu kommt aber, dass Erwachsene an Jugendlichen Gewalt ausüben: Vernachlässigung, seelische Verletzungen, körperliche und verbale Gewalt. Der Lehrstellenmangel schmerzt auch...
Claudio: Du kannst nicht alles auf die Erwachsenen abschieben. Trotzdem ist es so, dass in der Familie gewisse Wertvorstellungen vorgelebt werden sollen, damit die Jugendlichen sich daran orientieren. Wenn ich meinem Kind das Gefühl gebe, dass ist ohne Markenartikel am Leib und an den Füssen wertvoll ist, könnte das eine Veränderung hervorrufen.
Iris: Viele Eltern resignieren, angeblich weil sie davon ausgehen, dass die Lehrer, die Schule und das übrige Umfeld die Kinder stärker beeinflussen als sie selber. Ich sehe das keineswegs so. Kinder lernen viel von Eltern. Kinder kopieren zum Teil die Eltern, wenn sie noch klein sind. Wertvorstellungen sollen vorgelebt werden und nicht nur Gesprächsthema sein.
Claudio: Mir fällt immer wieder auf – übrigens auch in christlichen Kreisen –, dass die Gruppendynamik sehr stark mitspielt. Wenn ein Jugendlicher Unfug treibt oder zuschlägt, dann stellt sich der eigene Freund nicht gern dazwischen. Der Respekt oder die Angst vor Konflikten ist zu gross. Kinder sollen lernen, auch mal Nein zu sagen, unabhängig von der Meinung der Andern. Dies gilt übrigens auch für Erwachsene. Es fehlt den Leuten an Zivilcourage, an Entschlusskraft und Selbstvertrauen, um für eine Person oder eine Sache einzustehen.
Iris: Wenn Jugendliche Überfällen begehen, reizt sie wohl auch die Grenzüberschreitung, die Frage: "Wie weit können wir gehen?" Wenn die Jungs und Mädchen von Erwachsenen nicht zur Rechenschaft gezogen werden, dann meinen sie, dass noch viel mehr möglich ist. Sie verlieren das Empfinden für Recht und Unrecht.
Claudio: Falls sie geschnappt werden, wie würdest du sie bestrafen?
Iris: Mit sozialen Arbeitseinsätzen. Sie sollen ihre Taten abverdienen. In solchen Einsätzen lernen ??? sie, Gutes zu tun, und erlangen wieder ein Gefühl für den Mitmenschen und dessen Würde.
Claudio: Ich glaube, es wäre von grossem Vorteil, wenn Eltern ihre Kinder zur Strafe begleiten müssten. Sie könnten die Strafe gemeinsam abarbeiten und miteinander Zeit verbringen. Die Eltern tragen Verantwortung für die Tat ihrer Kinder, so sollen sie auch bei der Wiedergutmachung dabei sein.
Iris: Das Wichtigste ist aber, den Kindern von Anfang an eine sinnvolle Lebensweise mit ethischen Grundlagen vorzuleben. Das ist aber nur möglich, wenn ich mir genug Zeit nehme für die Kinder und Job und Familie in die richtige Balance bringe.
Autoren: Iris Muhl, Claudio Minder
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