Deutschland wählt Bundespräsidenten
«Pro-Christ-Kurator» trifft auf DDR-Bürgerrechtler
Am Mittwoch, 30. Juni 2010, wählt die Bundesversammlung ihren neuen Bundespräsidenten. Zwei der drei Kandidaten, Christian Wulff und Joachim Gauck, waren und sind verschiedentlich in christlichen Kreisen aktiv.
Der Kandidat von CDU und FDP, Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, geriet wegen seines christlichen Engagements zuletzt in Kritik: Er solle aus dem Kuratorium der evangelischen Aktion «ProChrist» austreten, dem er seit 2005 angehört. Das fordert die evangelische Theologin und Journalistin Kirsten Dietrich.
«ProChrist» habe einen «evangelikalen Charakter», der zeigen würde, dass das Christentum irrationale Elemente beinhalte, vor allem dass Gott die höchste Autorität sei. Ein Bundespräsident sollte hingegen «dafür stehen, dass wir in einem Rechtsstaat leben und dass da die Autorität liegt», zitiert «idea» die Theologin.
Keine Gebotstafeln
Sollte er zum Bundespräsidenten gewählt werden, würde bei sämtlichen Mitgliedschaften geprüft, ob sie fortgeführt würden, erklärt Wulff gemäss «idea». «ProChrist», so Wulff, habe «keine festen Glaubenssätze, die auf gebotsähnlichen Tafeln niedergelegt sind».Zum Kuratorium gehören auch andere Politiker, darunter die thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) und die ehemaligen Ministerpräsidenten von Bayern und Baden-Württemberg, Günther Beckstein (CSU) und Erwin Teufel (CDU).
Wulff wäre der Jüngste
Das Gremium hat die Auswahl zwischen drei Kandidaten: dem bisherigen niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU), dem früheren Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde, Joachim Gauck, und der Bundestagsabgeordneten der Linken, Luc Jochimsen. Die Wahl wurde wegen des überraschenden Rücktritts von Horst Köhler vom Amt des Bundespräsidenten Ende Mai notwendig.Wulff wurde von Union und FDP nominiert, Gauck von SPD und Grünen. Die Linke stellte Jochimsen auf. Am 2. Juli soll der neue Amtsinhaber vor den Mitgliedern von Bundestag und Bundesrat im Reichstag vereidigt werden.
Christian Wulff wäre mit seinen 51 Jahren der jüngste Bundespräsident der deutschen Geschichte. Einen Riss bekam das Bild des guten Katholiken Wulff, als er sich 2007 von seiner Frau Christiane scheiden liess, mit der er 19 Jahre lang verheiratet war und eine Tochter hat. Bevor er 2008 die Pressereferentin Bettina Körner heiratete, eine Protestantin, fuhr er mit der Tochter Annalena nach Rom zu einer Privataudienz beim Papst.
Als wiederverheirateter Katholik bleibt er nun vom Abendmahl ausgeschlossen, da seine erste Ehe in kirchenrechtlichem Sinn weiterbesteht. «Er wünscht sich, dass die Kirche hier Lösungswege findet», sagt Prälat Felix Bernard vom Katholischen Büro Niedersachsen. Werte wie Ehe und Familie sieht Bernard dadurch nicht infrage gestellt. Seinen jüngsten Sohn liess Wulff im Kloster Loccum nahe Hannover vom Abt und früheren Bischof Horst Hirschler taufen. Linus Florian (2) wächst jetzt evangelisch auf.
Gauck, der DDR-Bürgerrechtler
Joachim Gauck (70), der ehemalige DDR-Bürgerrechtler, tritt für SPD und Grüne bei der Bundespräsidentenwahl an. Seinen Kurs hat der evangelische Theologe jüngst in einer Grundsatzrede umrissen hat: «Ich träume von einem Land, dass sich aus der Unkultur von Angst, Resignation und Tristesse erlösen kann.» Immer wieder verweist Gauck auf die friedliche Revolution, auf das «Wir sind das Volk», das er das sächsische «Yes we can» nennt.Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte er als Fünfjähriger, wie auch die Einschränkung persönlicher Freiheit. 1951 wurde sein Vater vom sowjetischen Geheimdienst verhaftet und für vier Jahre in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt. Dieses Erlebnis prägte seine Haltung zur DDR.
Gauck wurde Pastor und wählte damit einen Beruf, der ihm eine Distanz zur staatlichen Doktrin ermöglichte. In Rostock wird er, der nie einer oppositionellen Gruppe angehört hat, im Herbst 1989 zu einem der Köpfe des kirchlichen und öffentlichen Protests.
Der Sonderbeauftragte
Der parteilose Gauck sei kein eingefleischter Politiker, schreibt die Nachrichtenagentur epd, auch wenn er 1990 bei der ersten freien DDR-Volkskammerwahl für das «Bündnis 90» kandidierte. Als Abgeordneter leitete er später den Parlamentsausschuss zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR und wurd schliesslich zum «Sonderbeauftragten» für die Stasi-Unterlagen berufen.Gauck war in den vergangenen Jahren vor allem als Redner und Vortragsreisender in Deutschland unterwegs. Er beschäftigt sich beispielsweise mit den deutschen Verhältnissen in Ost und West. Themen für den Vorsitzenden des Vereins «Gegen das Vergessen - Für Demokratie» sind allerdings immer wieder auch die Verbrechen der NS-Diktatur und das Demokratiebewusstsein in Deutschland.


