«Du sollst dir keinen Comic machen»
Die Wiederkehr der Religion im Comic ist derzeit auch für Religionswissenschaftler ein Thema: Das Religionswissenschaftliche Seminar der Universität Luzern kann anlässlich des Comix-Festivals «Fumetto» mit einer Ausstellung und einer Vortragsreihe aufwarten.In verschiedenen Religionen, auch im Christentum - erfreue sich der Einbezug von Comcis grosser Beliebtheit, stellt der Luzerner Religionswissenschaftler Frank Neubert fest: «Comic ist heute ein sehr populäres Medium geworden, dem sich auch Kritiker letztlich nicht ganz entziehen können.»
«Religionswissenschaft trifft Fumetto», so heisst dieser Tage das Motto in Luzern... Was haben Sie als Religionswissenschaftler an einem Comix-Festival verloren?
Frank Neubert: Zwischen Comics und Religionen gibt es zahlreiche Berührungspunkte, die mich auch als Religionswissenschaftler interessieren. Deshalb haben wir uns für eine Zusammenarbeit mit dem Comix-Festival «Fumetto» entschieden.
Was wollen Sie an dieser Veranstaltung konkret zeigen?
Mit unserer Ausstellung im «Union» möchten wir auf die erstaunliche Bandbreite hinweisen, in der das Thema «Religion» in Comics auftaucht. Gleichzeitig soll in einer Vortragsreihe auch deutlich gemacht werden, wie man wissenschaftlich mit diesem Thema umgehen kann.
Sie wollen die Religionswissenschaft also gewissermassen aus dem «Elfenbeinturm» herausholen?
Durchaus. Wir möchten Interesse wecken für das, was wir als Religionswissenschaftler an der Universität tun. Und wir zeigen, dass unsere wissenschaftliche Arbeit keineswegs nur im Elfenbeinturm stattfindet, sondern auch im Alltag relevant sein kann. Konkret leisten wir mit der aktuellen Veranstaltung einen Beitrag, damit die Menschen religiöse Themen in verschiedenen Medien wie eben beispielsweise Comics besser verstehen und einordnen können.
Kann heute von einer «Wiederkehr der Religion im Comic» gesprochen werden?
Ja, es ist so, dass religiöse Themen in Comics in den letzten Jahrzehnten verstärkt auftauchen. Es gab bereits in den 70er-Jahren religionswissenschaftliche und auch theologische Untersuchungen, die eine gewisse mythische Struktur in Comics aufgezeigt haben. Inzwischen gibt es auch Künstler, die ihre eigenen religiösen Erfahrungen in Comics verarbeiten. In bestimmten religiösen Traditionen ist es aber schon lange üblich, religiöses Wissen mittels Comics zu vermitteln.
Wie kommt das?
Die Vorgeschichte religiöser Comics beginnt schon mit «Bildergeschichten», die man im Rahmen von Höhlenmalereien gefunden hat. Man könnte aber auch bildliche Darstellungen von Mythen in Tempeln und Illustrationen zu biblischen Geschichten in Kirchen als «Vorläufer» der heutigen Comics sehen. Über lange Zeit hatten diese Darstellungen sicher auch die Funktion, religiöse Inhalte einem nicht lesekundigen Publikum zugänglich zu machen.
In welchen Traditionen treffen wir heute noch auf religiöse Comics?
In fast allen. Ein Phänomen können wir auch im Christentum beobachten, wo vor allem freikirchliche Gemeinden dieses Medium nutzen, um den Menschen ihre Botschaft zu vermitteln.
Stecken dahinter also häufig auch missionarische Absichten?
Sicher gibt es religiöse Gruppierungen, welche die Comics für missionarische Zwecke nutzen, um ihre religiöse Botschaft an den Mann, die Frau oder das Kind zu bringen. Es gibt in den Comics aber auch religionskritische Ansätze, wenn sich beispielsweise ein Zeichner über «veraltete» Glaubensweisen lustig macht...
Sicher gibt es auch etliche Repräsentanten von Religionsgemeinschaften, die mit der Verwendung von Comics ihre Mühe haben. Sehen Sie da auch eine Gefahr der Banalisierung religiöser Inhalte?
Darüber, ob der Comic ein angemesssenes Medium sei, um religiöse Inhalte zu vermitteln, ist immer wieder gestritten worden. Solche Debatten gibt es nach wie vor in verschiedenen Religionen. Andererseits ist der Comic heute ein sehr populäres Medium geworden, dem sich auch Kritiker letztlich nicht ganz entziehen können.
Ernsthafte Probleme werden aber vor allem jene Religionen haben, in denen ein explizites Bilderverbot existiert...
Tatsächlich haben Religionen, die ein strenges Bilderverbot lehren, Probleme mit Comics. Das gilt vor allem für den Islam: Hier finden wir zwar einzelne Comics mit religiösen Inhalten, die allerdings in bestimmten religiösen Richtungen sehr umstritten sind. Indessen stossen wir im Hinduismus, in den japanischen Religionen und auch im Christentum immer häufiger auf Comics, die sich grosser Popularität erfreuen. Und natürlich trägt auch das Internet heute wesentlich zur Verbreitung von religiösen Comics bei.
Frank Neubert ist promovierter Religionswissenschaftler und Indologe. Seit 2008 arbeitet er als Oberassistent am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern.
In Zusammenarbeit mit dem internationalen Comix-Festival «Fumetto» zeigt das Religionswissenschaftliche Seminar der Universität Luzern in den Gängen des «Union» beim Löwenplatz bis zum 9. Mai eine Ausstellung zum Thema «Du sollst dir keinen Comic machen! Comix und Religion(en)». Zum gleichen Thema ist auch eine Vortragsreihe geplant. Weitere Infos
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Quelle: Kipa

