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Krise fordert «Erziehung zum Masshalten»

 
Johannes Friedrich
Landesbischof Johannes Friedrich spricht in der Augsburger Synagoge. (Foto: EKD)
Das Gewinnstreben einiger Unternehmen hat nach Ansicht des amtierenden Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, eine «zerstörerische Masslosigkeit» angenommen. In einer Rede vor Rabbinern und Kirchenvertretern am Montagabend in Augsburg über die Herausforderungen der Wirtschaftkrise beklagte Schneider den Zwang, Gewinne zu maximieren. Er forderte daher internationale Einschränkungen der Gewinnmaximierung. Es sollte eine «Erziehung zum Masshalten» geben.

Schneider warnte zudem vor zusätzlichem Druck auf die Sozialsysteme. Das Vertrauen der Menschen darin sei bereits erschüttert. Soziale Ungerechtigkeit sei ethisch verwerflich, sozial explosiv und ökonomisch kontraproduktiv, sagte er bei dem Treffen anlässlich der deutschen «Woche der Brüderlichkeit».

«Die Stimme der Religion ist gefragt»
Auch der Kölner Rabbiner Jaron Engelmayer betonte, dass die Jahrtausende alten biblischen Massstäbe helfen könnten, Wege aus der Krise zu finden. «Die Stimme der Religion ist gefragt», sagte der Vertreter der orthodoxen Rabbinerkonferenz. Der Augsburger Rabbiner Henry Brandt sagte, es gehe in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise um eine tiefer sitzende und weit verbreitete Malaise der Gesellschaft. Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff forderte, dass die Kirchen ihre ethischen Überzeugungen «in die säkularen Sprachen von Politik, Recht und Wirtschaft» übersetzen müssten. Eine dauerhafte Lösung der Wirtschaftskrise könne nur gefunden werden, wenn auch die Frage der Gerechtigkeit beantwortet sei.

Christlich-jüdische Grundlagen des Wirtschaftens
 
Alltägliches Bild
Ein nicht alltägliches Bild für Christen - der siebenarmige Leuchter dominiert das Bild der Synagoge zu Augsburg. Um so wichtiger wird da die «Woche der Brüderlichkeit». (Foto: EKD)
Die Rabbiner und Kirchenvertreter trafen sich anlässlich der diesjährigen Woche der Brüderlichkeit in Augsburg zu einem Meinungsaustausch. Sie mahnten zur Besinnung auf die ethischen Massstäbe politischen und wirtschaftlichen Handelns, die untrennbar mit dem jüdischen und christlichen Glauben verbunden sind. In der Wirtschaftskrise sei der Verlust dieser Massstäbe in schmerzlicher Weise erfahren worden.

Der Beauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum, Bischof Heinrich Mussinghoff, würdigte in der Diskussion den Dialog, der in den letzten fünf Jahren gelungen sei. «Wir haben Gemeinsames zum Ausdruck gebracht, ohne Unterschiede ausser Acht zu lassen. Der Dialog zwischen Juden und Christen betrifft zunächst unsere Gemeinschaften. Er wirkt darüber hinaus auch in die Gesellschaft hinein.» Wenn es eine Debatte um das ethische Defizit ökonomischen Handelns gebe, müsse man neue Massstäbe setzen.

«Kirchen wollen Politik möglich machen»
 
Nacheinander
Nacheinander werden die Segensformeln gesprochen: (v. li.): der evangelische bayerische Landesbischof Johannes Friedrich, Landesrabbiner Henry G. Brandt (Augsburg) und der katholische Bischof von Augsburg, Walter Mixa. (Foto: EKD)
Präses Nikolaus Schneider, der amtierende Vorsitzende des Rates der EKD, betonte in seiner Rede, dass es «um die Fragen nach einer Freiheit, die in Verantwortung gestaltet wird» ginge. Dabei sei die Erkenntnis von Schuld notwendig, ebenso die Bitte um Vergebung, um Neuanfang und die Schaffung von menschlichen Beziehungen, die von Vertrauen und Solidarität bestimmt seien. Dabei gelte aber: «Die Kirchen wollen nicht Politik machen, aber sie wollen Politik möglich machen.»

Nächstenliebe hilft auf
Rabbiner Jaron Engelmayer von der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland betonte: «Wohltätigkeit sollte nicht nur in Form des Sozialstaates institutionalisiert wahrgenommen, sondern in unseren Herzen und unseren Köpfen getragen und als Bereicherung für uns verstanden werden.» Landesrabbiner Jonah Sievers von der Allgemeinen Rabbinerkonferenz argumentierte aus dem Judentum: «Es ist die höchste Form der Nächstenliebe, der zedaka, jemanden in Lohn und Brot zu setzen, so dass er sich selbst in Würde unterhalten kann.»

Zum Auftakt der «Woche der Brüderlichkeit» hatte am Sonntag der Architekt Daniel Libeskind die Buber-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit erhalten. Die Treffen von Kirchenleitern und Rabbinern finden in dieser Art seit 2006 jährlich statt. Ihr Ziel ist eine Intensivierung der Beziehungen zwischen den beiden grossen Kirchen und den Rabbinerkonferenzen in Deutschland.

Quelle: EKD, epd



Datum: 10.03.2010

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