In Wittenberg hat gestern der Zukunftskongress der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) begonnen. Rund 300 Vertreter des deutschen Protestantismus wollen in der Lutherstadt bis Samstag über den weiteren Reformprozess in der evangelischen Kirche beraten.
Der Ort ist mit Bedacht gewählt: Dort, wo der grosse Reformator vor knapp 500 Jahren seine 95 Thesen veröffentlichte, wollen Repräsentanten der Mitgliedskirchen auf der Grundlage des so genannten Impulspapiers des EKD-Rats über den Kurs der deutschen Protestanten im 21. Jahrhundert diskutieren.
Dazu werden ausser Spitzenvertretern der EKD wie Ratsvorsitzender Bischof Wolfgang Huber auch Kardinal Karl Lehmann sowie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble erwartet.
Heftige Diskussionen im Vorfeld
Das vor einem halben Jahr vorgestellte 120-seitige Papier "Kirche der Freiheit: Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" hatte heftige innerkirchliche Diskussionen ausgelöst. Die Expertise fordert angesichts eines voraussichtlichen Mitgliederrückgangs um ein Drittel (von 26 auf 17 Millionen) sowie einer Halbierung der Kirchensteuereinnahmen bis 2030 radikale Strukturveränderungen.
Zündstoff bergen vor allem ein Dutzend Vorschläge, so genannte Leuchtfeuer, die der evangelischen Kirche ein Wachstum "gegen den Trend" ermöglichen sollen. Ziel ist, dass die Kirche ihren Bevölkerungsanteil von etwa 31 Prozent hält und den sonntäglichen Gottesdienstbesuch von 4 auf 10 Prozent steigert.
Straffung der Leitungsebene
Für Unmut an der Basis sorgt vor allem der Vorschlag, die EKD als "Dach" zu stärken und die 23 Landeskirchen auf höchstens 12 zu reduzieren. Eine Landeskirche soll nach dem Papier mindestens eine Million Mitglieder zählen. Die Betroffenen argumentieren, dass die gewachsenen Kirchen "identitätsstiftend" seien, zu grosse Einheiten könnten die Nähe zur Basis verlieren. Auch sei nicht bewiesen, dass grosse Kirchen kostengünstiger arbeiteten.
Tatsächlich ist die Fusion von Landeskirchen vor allem in Ostdeutschland schon seit Jahren ein Thema: 2004 vereinigten sich die Kirchen von Berlin-Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz. Seit demselben Jahr bilden zwei Landeskirchen in Sachsen-Anhalt und Thüringen bereits eine Föderation, deren Ausgestaltung den Betroffenen aber derzeit erhebliches Kopfzerbrechen bereitet. In Mecklenburg-Vorpommern soll es bis 2010 eine Landeskirche geben.
Diskussionspunkt Ökumene
Von vielen Seiten kritisiert wurde eine fehlende ökumenische Dimension der Expertise. Das scheint ein EKD-Papier über die evangelische Kirche im ländlichen Raum nachzuholen, das in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde. So sieht es eine engere Kooperation mit katholischen Gemeinden vor.
Wieder können die östlichen Bundesländer Vorreiter sein. Dortige Gemeinden sollten etwa der anderen Konfession die eigene Kirche zeitweise für Gottesdienste überlassen oder Gemeindehäuser gemeinsam nutzen, so die Vorschläge. Diese Zusammenarbeit solle auch dazu ermuntern, konfessionelle Unterschiede zu diskutieren und vielleicht auch zu hinterfragen. Auch die Aufgaben des evangelischen Pfarrers werden in dem Papier zur Debatte gestellt. Langfristig soll er von allen Verwaltungsaufgaben befreit werden.
„Kirche ist keine To-do-Liste“
Bei aller Notwendigkeit von Reformen wies die hannoversche Landesbischöfin Margot Kässmann in einem Interview zugleich auf deren Begrenztheit hin: "Wir sind es nicht, die Kirche erhalten! Die Kirche ist auch keine To-do-Liste, die ich abhake, und dann habe ich die Zukunft der Kirche. Die Kirche ist von Gottes Wort geschaffen, von Gottes Geist inspiriert. Dass wir unseren Glauben in die nächste Generation weitertragen, das ist das Entscheidende."
Auf dem bis Samstag tagenden Kongress soll in den Arbeitsgruppen auch diese spirituelle Dimension nicht zu kurz kommen. Schliesslich bildet er auch den Auftakt zur Reformdekade der EKD bis zum 500-Jahre-Reformationsjubiläum 2017.