Trifft der Schuss das richtige Ziel?
Hat Walter Gut seine Kritik, die keine Alternative bringt, mit allzu rascher Hand getippt? An mehreren Stellen überrascht der Autor mit Oberflächlichkeit. Auf Seite 7 bringt er dasselbe Zitat gleich zweimal ("Jetzt zählt nur kompetente Berichterstattung, mit Hintergrundberichten, die ein reeles Bild vermitteln" KEP Rundbrief, August 2000). Bei der Auflistung von Büchern und Zeitschriften vermutet er, dass der Titel "Jüdische Siedlungen. Kriegsverbrechen oder biblische Prophetie" von Johannes Gerloff im Schwengeler Verlag erschien. Sollte er es zur Hand haben, kann er nachlesen, dass es vom Haenssler Verlag kommt. Dann - und das ist grob - bezichtigt er Roger Liebi der Falschprophetie. Walter Gut will dies belegen mit dem Artikel über den Untergang Babyloniens in "factum" 10/02.
Doch Gut argumentiert schlecht. Er blendet aus, was im Editorial desselben Heftes steht: "Wann und wie es zum Fall Babyloniens kommen wird, weiss niemand - doch er kommt." Im Interview in derselben Ausgabe stellte sich Roger Liebi auch kritischen Fragen. Er antwortete: "Wir können keine zeitlichen Berechnungen machen. Aber die Zeichen der Zeit reichen, um zu erkennen, dass man sein Leben vor Gott in Ordnung bringen muss, um für die Wiederkunft Christi für seine Gemeinde täglich bereit zu sein."
In "factum" 4/03 wiederholt Roger Liebi seine Aussagen: "Die Verwüstung Babyloniens (= Südirak) wird in Phasen erfolgen. Bei der endgültigen Verwüstung werden die Meder (das sind die heutigen Kurden) und eine weitere Nation aus von Norden her eine besondere Rolle spielen. Die letzte Phase der Totalzerstörung steht noch aus." Diese nachprüfbaren Aussagen verschweigt Walter Gut.
Was Gut vor allem zur Kritik bewogen zu haben scheint, ist der ihm unangehme Umstand, dass die israelfreundliche Haltung vieler Christen von der Eidg. Kommission gegen Rassismus registriert wird. Er schreibt, dass im Bundeshaus sehr genau registriert werde, "dass evangelikale Christen gegen einen politischen Frieden in Nahost sind". Abgesehen davon, dass diese Aussage falsch ist, stellt sich die Frage, wieso man eigentlich keine andere politische Sicht in bezug auf eine Friedenslösung im Nahen Osten haben darf? Wieso soll man sich nicht für einen alternativen israelischen Friedensplan einsetzen, nachdem der aktuelle im Terror endete? Es ist nämlich eingetroffen, wovor viele gewarnt haben: die "Land-gegen-Frieden"-Strategie scheiterte.
Hoffentlich sind Christen für den Frieden! Die Diskussion dreht sich einzig um die Ausgestaltung des Weges dorthin. Die aktuellen Friedensbemühungen müssen hinterfragt werden. Welchen Weg unterstützt Walter Gut? Auch hier schweigt er sich aus.
Anderseits: Auch die "factum"-Redaktion stellt an einigen Orten eine übertriebene Israel-Einseitigkeit fest, und zwar dort, wo vergessen wird, dass jeder Mensch, auch die Juden, Jesus Christus als Herrn anerkennen müssen, um gerettet zu werden. Es ist eine kaum je gemeldete Tatsache, dass jüdisch-orthodoxe Parteien sämtliche christlichen Bestrebungen, das Evangelium unter Juden zu verbreiten, massiv zu unterbinden versuchen. In Israel sind nur jene christlichen Organisationen willkommen, die diesen Umstand völlig ausblenden.
Eine Wiederherstellung Israels wird in der Bibel mehrfach erwähnt. Gott selbst wird jenes Volk, das er einst erwählt, dann aber zur Seite gestellt hat, eines Tages wieder beleben. Die Staatengründung von 1948 ist ein Zeichen dafür, dass dieser Tag näherrückt.
Gut fordert einen "positiven Umgang mit den biblischen Endzeit-Aussagen". Die von ihm aufgelisteten drei Punkte kann ich unterschreiben. Sie widersprechen den biblischen Aussagen über die Zukunft Israels und der christlichen Gemeinde nicht. Das eine schliesst das andere nicht aus. Die Hoffnung bleibt deshalb, dass sein scharfer Schuss am Ende doch noch ins richtige Ziel trifft.
Rolf Höneisen, Chefredaktor "factum"
Autor: Rolf Höneisen
Quelle: factum Magazin